Via Jacobi: Auf dem St. Galler Weg zu neuen (See-)ufern

Nach der Mittagspause in St. Peterzell bin ich immer noch gut aufgelegt und regeneriert. Ich schlage also den St. Galler Weg ein und wende mich nach dem Überschreiten des Necker dem bekannten auf einem steilen Wiesenhang errichteten, historischen „Haus  zum Bädli“ mit seiner Rokoko-Fassade zu. An einem freistehenden Baum vorbei steige ich weiter bergan auf die Höhenkuppe bis zum Weiler Hofstetten mit seinen aus dem 17. Jahrhundert stammenden Höfen.

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beim Weiler Hofstetten

Hier beginnt dann der Abstieg in den bewaldeten Schlifentobel. Es ist sehr warm und schwül geworden und hier herunten im Wald steht die Luft förmlich. Ungefähr bei der Querung des Niderwilbaches mahnt mein Kreislauf zu einem kurzen Verschnaufen, denn der Wiederaufstieg nach Heiterswil liegt zumeist in der prallen Sonne. Es ist Pfingstmontag und die zahlreichen Ausflügler lassen mich vermuten, dass dieser Tag zumindest in der deutschsprachigen Schweiz ebenfalls arbeitsfrei ist. Das bringt mir auf der Anhöhe bei Scherrer die Gelegenheit zu einer Jause im Gasthof „Churfirsten“, der – obwohl sonst am Montag wegen Ruhetag geschlossen – ziemlich voll ist. Auf dessen Terrasse genieße ich die Aussicht auf die namensgebende Bergkette. Weil das Tempo der Bedienung wegen des großen Andranges ein wenig zu wünschen übrig lässt, komme ich erst wieder weg, als sich vom Säntis her dunklere Wolken vor die Sonne schieben. Etwa zehn Minuten später auf Höhe des Weilers Eschenberg rumpelt es auch schon im Gewölk. Beim Gehöft Schwantlen finde ich ein vorgezogenes Dach mit einer Sitzbank darunter. wo ich mich hinsetze und abwarte, was passiert. Eine Stunde lang ereignet sich wenig und das Gewitter dümpelt vor sich hin bzw. dessen Hauptzelle zieht eher südlich am Gehöft vorbei. Niederschlag fällt keiner, was den kommenden Abstieg nach Wattwil über steile Wiesen und eine Metalltreppe einigermaßen erleichtert.

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da unten im Tal ist Wattwil

Die Stunde ist nun jedoch dahin, weshalb ich mir angesichts des herannahenden Abends bereits in Wattwil eine Unterkunft suchen muss. Mehrere Anrufe im Kloster „Fazenda da Esperanca“ schlagen fehl. Ist denen um 17 Uhr wohl schon zu spät, darum falle ich gleich nach dem Erreichen der Ebnater Straße im wenige Meter entfernten Hotel Motelina ein und bekomme dort sogar spontan ein Zimmer.

Mit achtzig Franken ohne Frühstück ist dieses nicht gerade wohlfeil, was mich allerdings nicht wirklich stört angesicht der Hoffnung, am nächsten Tag sehr früh wegzukommen. Die geplante Wegstrecke nach Rapperswil ist doch ganz ordentlich und weil ich dort unbedingt in der Pilgerherberge  übernachten möchte, reserviere ich das Bett bereits am Vortag. Umso ärgerlicher ist dann am nächsten Morgen die Suche nach einer Bäckerei, die auch  Frühstück anbietet. Zunächst vom Hotelpersonal in die Irre geschickt, versuche ich es anschließend am Bahnhof – aber Fehlanzeige. Ich muss darum fragen und werde wieder in die Gegenrichtung geschickt, was sich in der dadurch vergeudeten Zeit niederschlägt.

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Aussicht von der Burgruine Iberg oberhalb von Wattwil

Dann geht es aber endlich zur Burgruine Iberg hinauf, wo ich die grandiose Aussicht auf die Stadt und die etwas entfernten Churfirsten auf mich einwirken lassen kann und mir die ersten Pilger auf dem Schweizer Jakobsweg begegnen. Ein Ungar, der von daheim am Balatón losgelaufen ist mit seiner Schweizer Bekannten, die irgendwo bei Schmerikon lebt und den Ungarn über das verlängerte Wochenende begleitet. Sie scheinen sehr viel Zeit zu haben und wollen heute keine größere Strecke gehen, weshalb ich sie beim Anstieg zum Laadpass bald aus den Augen verliere. Der Anstiegsweg lässt noch einige Rückblicke auf Wattwil und das Tal der Thur zu. Es handelt sich dabei um das wirtschaftliche Zentrum des Toggenburg. Auch der Turm der 1240 zum Schutz der Pässe Ricken und Laad errichteten Burg Iberg ist noch einige Zeit zu sehen.

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zum Laadpass empor

Ich komme in dieser Region wieder an einigen Pilgerunterkünften vorbei, so zum Beispiel am Bülenhof kurz vor dem Laadpass sowie am Pilgerhaus „Jeanne d’Arc“ in Oberricken, mit dem ich noch am Vortag spekulierte. Der höchste Punkt der heutigen Strecke – die Heid – bietet für Pilger eine Rasthütte, in der man mit Getränken seinen Durst löschen kann.

Auf der Strecke vom Laad- zum Rickenpass passiere ich einen militärischen Schießplatz, wo es an diesem Vormittag zum Glück ruhig bleibt. Auf einer Rastbank in unmittelbarer Nähe mache ich neuerlich einen Wanderer bzw. Pilger aus. er wird sich mir später als Martin aus Pilsen in der Tschechischen Republik vorstellen. Über Walde gelange ich zur St. Ursula-Kapelle von Rüterswil, das Gasthaus gegenüber hat leider Ruhetag.

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durch Rüterswil mit Aussicht auf den Zürichsee

Der nächste Wegpunkt wäre Betzikon. In einem Waldstück davor finde ich einen Rastplatz mit Grillstelle, was fehlt ist das Grillgut. So kann ich nur den Schatten und die Ruhe in mich aufnehmen. etwa zwanzig Minuten bleibt das so, bis ich Schritte bzw. das Klappern von Wanderstöcken vernehme. Da ich aber gerade am Aufbruch bin, kümmert mich das vorerst nicht weiter und ich setze meinen Weg nach St. Gallenkappel fort. Vor dem Ort wurde 2015 eine neue Wegführung eingerichtet. Mir ist bis heute nicht bewusst, ob ich nun auf der alten oder der neuen Strecke unterwegs war, ist aber eher ein „Luxusproblem“. In St. Gallenkappel besichtige ich die Kirche St. Laurentius und St. Gallus mit ihren sehenswerten Wand- und Deckenmalereien, wodurch der mir folgende Wandersmann aufschließen kann. Es ist Martin, der junge Tscheche. Er will den kompletten Weg von seiner Heimatstadt bis zur Atlantikküste bewältigen. Jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe müsste er sich – so noch auf dem Camino unterwegs – gerade im Backofen Europas auf der Iberischen Halbinsel aufhalten. Welch ein Martyrium wäre das! Die dort unten können einem wirklich leid tun…

Wir beschließen, ein Stück des Weges gemeinsam zu gehen. Um genau zu sein, bis zur Jakobskapelle von Neuhaus. Dort will Martin nach Schmerikon abbiegen, um von da zum Etzelpass zu gelangen. Dies würde voll und ganz der Routenführung des St. Galler Weges entsprechen. Ich habe jedoch anderes im Sinne: Ich wende mich auf einer Variante dem von Konstanz daher kommenden Schwabenweg zu, auf den ich in Jona stoßen werde. Darum ist nach etwa einer Stunde das gemeinsame Pilgern schon wieder beendet.

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holzgedeckte Brücke über den Aabach bei Neuhaus

Hauptsächlich auf Feldwegen nähere ich mich Eschenbach, wo eine Konditorei mit schattigem Vorplatz zum Verweilen einlädt. Eventuell zu viel aufgenommene Kalorien werden auf der Stelle wieder verbraucht, denn hurtig geht es knapp zwei Kilometer an einer stark befahrenen Straße entlang bis zum Abzweig „Lettengasse“. Ab dort kommen mir die schönsten Wanderkilometer dieses Verbindungsweges unter die Sohlen. Sanfte Wald- und Wiesenwege begehe ich nun bis zum Weiler Egg – am Ende auch über einen aussichtsreichen Kamm mit Rastmöglichkeit.

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ein netter Weg am Waldrand…

 

IMG_2313 aussichtsreicher Kammweg beim Weiler Egg - Zürichsee_prot_1600x1200_250KB
… dann auf einem Höhenrücken zum Weiler Egg

Nach genutzter Chance zum Innehalten tauche ich in den Jonaer Wald ein, ein beliebtes Ausflugsgebiet der Bewohner der unmittelbar angrenzenden Stadt. Bei Johannisberg am Ortsrand von Jona gibt mich der Wald wieder frei und augenblicklich kann ich den tollen Rundumblick über Rapperswil und den Zürichsee genießen.

Jona selbst ist wenig spektakulär und dürfte vom Zusammenwachsen mit der touristisch wesentlich attraktiveren Stadt Rapperswil profitieren. Schnurstracks bis zum Fluss Jona und der Bahnlinie geht es daher nun weiter. Wenige Meter dahinter schwenke ich beim Elektrizitätswerk in den „Schwabenweg“ ein. Ihm folge ich nun ins Zentrum von Rapperswil und weiter bis nach Einsiedeln, wo dann der eigentliche Schweizer Jakobsweg seinen Ausgang nimmt.

Weglänge: 34,5 km (bis Rapperswil-Zentrum)

Höhenmeter im Aufstieg: 920m

Höhenmeter im Abstieg: 1201m

(alle Angaben ohne Gewähr)

Beitragsbild: das Toggenburg vom Anstiegsweg zum Laadpass gesehen

2 Kommentare zu „Via Jacobi: Auf dem St. Galler Weg zu neuen (See-)ufern“

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