Sheki: eine Stadt im Zentrum Ur-Albaniens?

Nach einem langen Fahrtag mit dem Aufenthalt in Shamaki zu Mittag fahren wir am späten Nachmittag endlich durch ein Stadttor von Sheki und biegen bald darauf nach links in die Parkanlage zum „Olimpic Complex Hotel“ ein, wo wir uns für die beiden folgenden Nächte einnisten.  Der letzte Tag für Besichtigungen in Aserbaidschan steht bevor und zu sehen gibt es in Sheki und Umgebung – gerade einmal 15 km Luftlinie von Dagestan und 30 km von Georgien entfernt – jede Menge.

Die am Fluss Kish im Nordwesten von Aserbaidschan liegende, knapp 65000 Einwohner zählende Stadt Sheki (Şəki, bis 1968 Нуха Nucha, aserbaidschanisch Nuxa, auch Nukha) ist die älteste des Landes und hat eine abwechslungsreiche Geschichte.

Die Herrschaftsverhältnisse im Wandel der Zeit

Die früheste bekannte Besiedelung ging bereits in der späten Bronzezeit vonstatten, die namensgebenden Saka – ein Stamm der Skyther – wanderten allerdings erst im 7. Jahrhundert ein, nannten die Stadt Sakasena und blieben auch einige Jahrhunderte. Vom 1. Jht. v. Chr. bis zum 4. Jht. n. Chr. herrschten die Albani, deren Haupttempel sich in der Stadt befand. Das antike kaukasische Königreich „Albania“ bestand hauptsächlich auf dem Gebiet des heutigen Aserbaidschan. Handelt es sich dabei etwa gar um die Vorfahren der Albaner auf der Balkan-Halbinsel?

Im Zuge der arabischen Invasion wurde Sheki dem Abbasiden-Kalifat eingegliedert. Im Mittelalter war die Stadt Bestandteil des Reiches der Shirwanshah-Dynastie. Danach für einige Jahrzehnte unabhängig, folgte 1551 die Annexion durch die Safawiden. Zweihundert Jahre später wurde Sheki Hauptstadt des unabhängigen Khanats Sheki, welches selbst wiederum im 19. Jahrhundert Teil  des russischen Reiches wurde. Nach der Auflösung des Khanats im Jahr 1819 nannte man die Stadt nach einem nahen Dorf Nukha. Diese Umbenennung machte man 1968 wieder rückgängig.

Wegen der häufigen Zerstörung  – unter anderem 1772 durch eine Schlammlawine – wurde die Stadt an ihrem heutigen Ort wieder aufgebaut, weswegen die ältesten historischen Bauten erst aus dem 16. Jahrhundert stammen. Als Konsequenz der Schlammlawine wurden zahlreiche zum Fluss Kish führende Kanäle in der Stadt angelegt, um eine ähnliche Katastrophe in Zukunft zu verhindern.

Tourismus als zusätzliches Standbein

Einst war die Stadt ein bedeutender Handelsposten an der Seidenstraße, während man heute versucht, den Tourismus als zusätzliches ökonomisches Standbein aufzubauen. Wichtige Wirtschaftszweige sind heute die Lebensmittelindustrie und  die Landwirtschaft, vor allem aber die Seidenproduktion.

An Sehenswürdigkeiten hat Sheki den Khanspalast aus dem 18. Jahrhundert sowie die Karawansereien zu bieten. Die Altstadt, wo sich auch der Khanspalast befindet, wurde im Vorjahr von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Ein paar Kilometer nördlich kann auch der kleine Wallfahrtsort Kish besucht werden.

Festung und Khanspalast:

Wenige Gehminuten von der Karawanserei entfernt und etwas erhöht über der Altstadt, erreichen wir einen Parkplatz an der Festungsmauer. Dahinter befindet sich unter anderem der Sommerpalast der Khans , dessen Besichtigung wir wegen der späteren Öffnung der Karawanserei vorziehen müssen. Das Bauwerk wurde gegen Ende des 18. Jahrhunderts errichtet und kommt ohne einen einzigen Nagel und ohne Klebstoff aus, wodurch es das Prädikat „einzigartig“ erhält. Ursprünglich ließ Khan Muhammed Hassan noch mehr Gebäude wie etwa eine Winterresidenz oder Dienstbotengebäude errichten, der Palast ist jedoch der einzige noch erhaltene. Die mächtigen Platanen im Vorhof zählen bereits doppelt so viele Lenze wie der Palast selbst. Außen ist der historische Bau mit geometrisch angeordneten, dunkelblauen, türkisen und ockerfarbenen Fliesen verziert. Eine Besichtigung des Weltkulturerbes ist nur im Rahmen einer Führung möglich, während der Fotografen innerhalb der Palastwände Pause haben. Billig ist der Eintritt in die Innenräume des Palastes allerdings für aserbaidschanische Verhältnisse nicht, dafür sind der Park und das restliche Festungsgelände frei, unter anderem auch eine ehemalige albanische Kirche, die jetzt als Museum fungiert.

Das Spezielle an dieser Residenz sind die reichhaltigen, farbenprächtigen Verzierungen und Malereien, wie etwa Blumen und Vögel im Damenzimmer, wohingegen im zentralen Raum des Obergeschosses Fabelwesen, aber auch ein beliebtes aserbaidschanisches Motiv – die Feuerzunge im Wind (Butas) – dargestellt sind. Die der Wärmedämmung dienenden hohen Türschwellen können im gedämpften Licht zu wahren Stolperfallen werden. Die Shebeke-Fenster bestehen aus ineinander gesteckten, bunten Mosaiken aus Murano-Glas und ergeben in ihren zahlreichen Farbtönen genau jenes gedämpfte Licht, das den Palast im Sommer angenehm kühl halten soll.

Die Kunst des Steckens der Mosaike von Shebeke-Fenstern ist in Sheki ein eigenes von Generation zu Generation weitergegebenes Handwerk und wird den Touristen in einem Nebengebäude, welches vormals ein Gefängnis war, vorgeführt. Dort befindet sich auch eine Arbeitsstätte für den Instrumentenbau, einige Souvenirshops, Seiden- und Teppichhändler und Anbieter von Süßzeug.

Süßspeisen nach alter Familientradition werden auch in den Läden an der Straße zur Karawanserei angeboten, vor allem Baklava und Halva als Spezialität davon aus Honig und Nüssen sind da ein Begriff. Zutaten und Herstellung bitte hier nachlesen. Wenn ich davon etwas erwerbe, dann ist es nicht mein Ding, es knapp drei Wochen in der Wärme mitzuschleppen. Verkostung der wohlschmeckenden Leckereien vor Ort lautet daher die Devise. So vergeht auch die Zeit und mittlerweile öffnet auch die Karawanserei ihre Pforten.

Karawansereien:

Das Wort «Karawanserei» stammt aus dem Persischen und bedeutet Karawanenhof.

Laut Wikipedia waren Karawansereien ummauerte Herbergen an Karawanenstraßen und die Seidenstraße war eine klassische Route für Karawanen. Deren Zweck war die sichere Nächtigung  aller Reisenden mit ihren Tieren und Waren, deren Versorgung mit Nahrung und Lebensmitteln, sowie bei entsprechender Größe der Häuser auch die Bereitstellung eines Warenlagers und eines Handelsplatzes für Im- und Exportwaren. Ihre vielseitige Funktionalität machte aus ihnen teils massive Wehranlagen mit steinernen Mauern und eisenbeschlagenen Toren. Geometrisch betrachtet waren sie häufig quadratisch oder rechteckig, seltener auch achteckig geformt mit einem großen Innenhof darin, um den sich diverse Gebäude gruppierten, die ihrerseits wiederum von schattigen Arkaden durchzogen wurden. Im Erdgeschoß befanden sich Stallungen für Tiere und einige Läden. Die Reisenden nächtigten im Obergeschoß.

Sheki war historisch betrachtet eine der Hauptstädte an der Seidenstraße, womit die Berühmtheit der dortigen Karawansereien erklärt ist. Ursprünglich waren es einmal sieben, jetzt sind davon nur noch zwei Karawansereien erhalten, eine wurde zu einem Hotel umgewandelt und die andere soll es noch werden. Die Karawanserei von Sheki besteht aus den zwei Teilen „Yukhary“ und „Ashaghy“, also „obere“ und „untere“ Karawanserei. Die Gebäude stammen aus dem 18. und 19. Jahrhundert und sind gut erhalten. Die untere Karawanserei umfasst 242 Zimmer und ist mehr als 8000 Quadratmeter groß. Seit 1988 befindet sich dort ein Hotel und ein Restaurant mit traditioneller aserbaidschanischer Küche. In der oberen, 6000 Quadratmeter großen Karawanserei befinden sich sogar mehr als 300 Zimmer. Sie wird aber nicht als Hotel benutzt, kann aber natürlich besichtigt werden. Wir besichtigen die obere Karawanserei.

Bei einem Rundgang durch die Gassen Shekis fallen mir die zahlreichen Kanäle auf, deren Errichtung die Konsequenz der verheerenden Schlammlawine von 1772 war. Häuser und Gärten verbergen sich oft hinter Steinmauern und Eisentoren, um die Privatsphäre der Bewohner besser zu schützen.

In der Mittagszeit suche ich den nach einem aserbaidschanischen Schriftsteller benannten Akhundov-Park auf und verzehre Mitgebrachtes aus dem Supermarkt.

Abstecher nach Kish

Das nur wenige Kilometer von Sheki entfernte Kish ist ein sehr schönes traditionelles Dorf mit Steinhäusern und engen verwinkelten, kopfsteingepflasterten Gassen, an deren  Ende man auf einige Ausläufer des Kaukasus, die noch Schnee tragen, blickt. Es gibt die Möglichkeit das Flusstal hinauf zur Festungsruine Gelersen-Gerersen zu gehen.

St. Elisäus-Kirche

Am Nachmittag machen wir einen Ausflug in dieses Dorf, welches zwei Attraktionen zu bieten hat. Da wäre zum einen die im ersten Jahrhundert vor Christus von den kaukasischen Albanern erbaute und durchaus sehenswerte Kirche „Church Of Elishe“. Es handelt sich somit wahrscheinlich um die älteste Kirche Aserbaidschans, die man für zwei Manat oder umgerechnet einen Euro besichtigen kann. Der Name der Kirche leitet sich vom Patriarchen St. Elisäus ab, der – weil er zwecks Verbreitung des Christentums in der Region durch das Land zog – als der eigentliche Erbauer des Gotteshauses gilt. Somit ist Kish – anders als viele ähnliche Dörfer – der wohl geeignetste Ort, um das frühere kaukasische Albanien kennenzulernen. Die Kirche vor der Bergkulisse mit den Obstbäumen in ihrem Vorgarten ist jedenfalls malerisch.

Doch nicht nur „Albaner“, sondern auch ein bekannter Norweger trieben sich hier in Kish herum. So befindet sich gleich gegenüber der Kirche ein Denkmal für den Wissenschafter Thor Heyerdahl (1914-2002). Dessen Studien sollen beweisen, dass sich der in der skandinavischen Mythologie erwähnte Gott Odin wahrscheinlich im ersten Jahrhundert vor Christus vom Kaukasus in Richtung Skandinavien begab, woraus Heyerdahl die Erkenntnis gewann, dass die Norweger und die Aserbaidschaner dieselben Wurzeln haben müssen. Felsmalereien in Qobustan sollen das beweisen. Seine Ausgrabungen, die unter anderem zwei Meter große Skelette hervorgebracht haben, die noch zu besichtigen sind, sollen das ebenfalls untermauern. Wen wundert es daher, dass der Wissenschafter den Ort Kish mit seinen Forschungen gleich viel bekannter gemacht hat.

Das heutige Kirchengebäude existiert seit dem 12. Jahrhundert, hat eine Zeltkuppel und schmale Fenster. Die Innenarchitektur ist typisch für einen eher kleinen Tempel und im Innenhof befindet sich ein alter Friedhof.

Die Bevölkerung Albanias, von der bis heute nicht bekannt ist, wie sie sich selbst bezeichnete, wurde ab der arabischen Herrschaft zunehmend islamisiert und turkisiert, so dass das Königreich als christliches Staatswesen im Laufe des 9. und 10. Jahrhunderts de facto verschwand. Heute gibt nur die auf Armenisch erhaltene Geschichte Albanias des Movses Daschuranci Aufschluss über die Historie dieses Reiches. Nachfahren der christlichen Bewohner Albanias finden sich nur noch unter kleinen Minderheiten im heutigen Aserbaidschan wie z.B. den Udinen, und damit eben nicht unter den Bewohnern des heutigen Albanien am Balkan.

It’s teatime

Nach dem Besuch der Kirche werden wir mit Tee aus dem Samowar bewirtet. Samowar bedeutet wörtlich „Selbstkocher“ und ist eine ursprünglich russische Teemaschine. Die oft kunstvoll verzierten Tischgeräte gibt es ab einem Liter Inhalt. Diese Art des Teekochens ist speziell in Russland, dessen ehemaligen Satellitenstaaten, in der Türkei, dem Iran und allgemein in Zentralasien populär und weit verbreitet.

Im Zuge der Teebereitung, wird auf den Deckel eine kleine Kanne gesetzt, in der dann mit einer großen Menge an Teeblättern und wenig Wasser ein „Teekonzentrat“ angesetzt wird. Dieses Konzentrat lässt sich so länger warm halten und verwenden. Den trinkbaren Tee erhält man erst, indem man eine kleine Menge Teekonzentrat mit dem kochenden Wasser aus dem Samowar in einem selbst gewählten Verhältnis verdünnt. Diese Vorgehensweise hat zwei Vorteile: Zum einen kann sich jeder den Tee in der gewünschten Konzentration mischen, zum anderen wird vermieden, dass sich in dem oft nur umständlich zu reinigenden Wasserkessel des Samowars Ablagerungen durch den Tee bilden.

Anreisemöglichkeit nach Kish von Sheki aus besteht mit einer Marschrutka (Kleinbus) für den Bruchteil eines Euros, meist aber nur bis 20 Uhr am Abend.

Seide und Teppiche

Nach dem Trip in das Dörfchen Kish kehren wir nach Sheki zurück und besuchen den Silk Shop einer Seidenmanufaktur. Die Zucht von Seidenspinnern war eine der Voraussetzungen dafür, dass Sheki jahrhundertelang ein wichtiger Handelsplatz auf der legendären Seidenstraße wurde. Die geografische Lage der Stadt tat ihr übriges. Auch heute noch ist Sheki ein bedeutender Umschlagsplatz für Erzeugnisse der Region. Speziell die Seidenindustrie Aserbaidschans hat sich über die Grenzen des Landes hinaus einen Namen gemacht, so beispielsweise für daraus per Hand geknüpfte Teppiche.

Die Farben zur Tönung der Seide werden nach einer traditionellen Methode gewonnen, so auch aus dem Sud der Roten Zwiebel. Das vollständige Knüpfen eines einzigen Teppichs nimmt dann acht Monate in Anspruch.

Nachdem wir den ganzen Tag in der Stadt und in Kish unterwegs waren, ist es nun an der Zeit, sich für das Abendessen frisch zu machen. Wo wir dann gespeist haben, ist mir nicht mehr hundertprozentig in Erinnerung. Es könnte das Restaurant „Chalabi Khan“ in der Innenstadt mit traditioneller Küche und Sitzplätzen im Freien gewesen sein.

Von Sheki zur Grenze nach Georgien

Sheki ist unsere letzter längerer Aufenthalt bevor es Tags darauf zur Grenze nach Georgien weitergeht. Wir brechen sehr früh auf, denn uns wurde eine Wartezeit von bis zu vier Stunden bei der Einreise in Aussicht gestellt. Bereits beim Verlassen der Stadt ist klar: es geht heute noch tiefer in den Großen Kaukasus hinein. Nahe der Kleinstadt Qax legen wir noch einen kurzen Stopp bei der georgisch-orthodoxen Kurmukhi-Kirche ein, die sich etwas erhöht an einen bewaldeten Hang schmiegt. Dann heißt es endgültig: „Georgien, wir kommen!“

Wir verlassen mit Aserbaidschan ein kontrastreiches Land. Alte historische Stadtteile existieren neben modernen Glasfassaden, wo der Energieverbrauch kein Thema zu sein scheint. Anderswo auf dem Land lebt man deutlich einfacher, bleibt dabei anderen gegenüber dennoch freundlich und offen. Landschaftlich betrachtet, muss man nicht sehr weit fahren, damit sich die Vegetation substantiell ändert. Vom Kaspischen Meer und der Steppe weg fährt man bereits nach ein bis zwei Stunden durch erste zusammenhängende Waldgebiete. Bei Sheki steht man dann nach einer schwachen Tagesreise schon vor dem Hochgebirge. Drei volle Tage Aserbaidschan sind jedoch definitiv zu wenig, um mit den Azeris näher in Kontakt zu kommen und deren Gastfreundlichkeit zu erfahren. Vielleicht ein anderes Mal, wenn es mir einfallen sollte, dieses noch kaum entdeckte Land wieder zu bereisen – dann sicher auf eine andere Art und Weise.

 

 

 

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