Eisenwurzenweg 08: Tag 8 – „Da capo“-Pilgern für einen halben Tag

Ich versuche heute etwas früher aufzubrechen, erwarten mich doch gut dreißig Wanderkilometer bis zum Tagesziel in Amstetten – und das über weite Strecken auch über Asphalt. Der Aufbruch haut aber nicht ganz nach Wunsch hin, weil das schmackhafte Frühstück mein Fortkommen etwas verzögert. Dafür werde ich bis über Mittag kaum Probleme mit der Wegfindung haben, denn auf der Strecke von Persenbeug bis kurz hinter Neustadtl an der Donau war ich vor Jahren schon einmal im Rahmen meiner Begehung des Österreichischen Jakobsweges unterwegs. Auf dem eben erwähnten Teilstück hatte ich damals auch meine erste Pilgerbegegnung, ein Vergnügen, dass mir diesmal jedoch verwehrt bleiben sollte. Vielleicht ist der Monat September einfach nicht die passende Zeit dafür.

Draußen im Freien erwartet mich jedenfalls herrlichstes Altweibersommer-Wetter mit anfangs noch dunstig-nebeliger Aussicht ins Donautal und später ins Mostviertel hinein. Ein kurzes Stück muss ich vom Gasthof zum Schloss zurücklaufen, um hier in Persenbeug wieder auf den Eisenwurzenweg zu gelangen, dann noch einige Meter und schon biege ich zur Brücke über den Schleusen des Kraftwerks ein. Ausflugsschiffe sind zu dieser Stunde noch keine da, man kann also ausschließlich auf das Schloss fokussieren. Dafür nehme ich mit der Zeit den anschwellenden Verkehrslärm auf der Brücke zunehmend wahr, was mich auch flugs wieder von ihr zum anderen Donauufer hin vertreibt.

Es beginnt nun ein steiler Anstieg zur „Marienhöhe“, die dem Wanderer ein Landschaftspanorama bieten soll, welches man findigerweise in einem Themenweg mit eigener Beschilderung verpackt hat. Dieser kann mich diesmal nicht locken, ich habe ja schon meinen Panoramaweg vulgo Eisenwurzenweg gefunden und auch vor, diesem bis zum Ende treu zu bleiben.

Die „Marienhöhe“ hält tatsächlich einige Panoramablicke in das Umland für mich bereit, die Anhöhe selbst ist allerdings nur eine Vorstufe für den Aufstieg zum Hengstberg. Zum überwiegenden Teil verläuft dieser im Wald mit nur wenigen Aussichtspunkten in die Umgebung (vgl. Fotos unten). Bis zur Straße, zu der ich kurz vor Grub stoße, streife ich nur zwei bewohnte Höfe, sonst ist man auf diesem Weg eher einsam im Gelände. Ab Grub befinde ich mich im „Skigebiet“ am Hang des Hengstberges mit genau einer Skiwiese und einem Schlepplift. Ob der wohl oft in Betrieb geht?

Der Asphaltstraße, welche zum Glück nicht stark befahren wird, habe ich nun bergan zu folgen – eine verdammt zähe Angelegenheit bei zunehmender Wärme, denn die Abschattungen werden weiter oben zusehends spärlicher. Ganz erreicht die Straße den Gipfel des Hengstberges nicht, sondern führt wenige Gehminuten daran vorbei. Einen Ausflug zum Gipfelkreuz schenke ich mir diesmal, denn außer dem Kreuz und einem Gipfelbuch gibt es meiner Erinnerung nach dort nichts zu sehen. Ungefähr einen halben Kilometer weiter und schon wieder bergab gehend finde ich beim letzten Baum einer Baumzeile eine Rastbank vor, die ich einige Minuten für mich in Anspruch nehme, bevor es weiter in den Willersbachgraben hinuntergeht. Nach dem Gehöft Rothberg muss ich dabei sehr auf die Wegführung achten, ist aber kein Problem, den Weg kenne ich ja schon von früher…

Im Willersbachgraben schweifen meine Gedanken ins Nostalgische ab, denn hier traf ich damals jene Pilgerin erstmals, mit der ich in der Folge noch bis kurz vor Linz gemeinsam unterwegs war. Nach dem Wiederaufstieg aus dem Graben gelange ich – an ein paar Höfen vorbei – an die nach Neustadtl an der Donau führende Straße. Auf dieser begebe ich mich von nun an kilometerlang über die sogenannte „Neustadtler Platte“ in Richtung der namensgebenden Ansiedlung. Der hinter einer Baumgruppe versteckten Luegerkapelle schenke ich dabei, anders als auf dem Pilgerweg, mehr als Null Prozent Aufmerksamkeit, sonst geht es aber auf der nicht sehr aufregenden Straße zügig Neustadtl entgegen. Kurz vor dem Ort mit der Jakobskirche habe ich noch gute Aussicht auf dieses Zwischenziel und auch ein Blick zurück zum Hengstberg kann lohnend sein. Im Gegensatz zu damals hat der örtliche Kirchenwirt diesmal geöffnet und man offeriert mir dort gleich beim Eintreten ein preisgünstiges Mittagsmenü. Die Zeit während der Mittagsrast verbringe ich zur Gänze im Gasthaus, auf einen Besuch der Kirche verzichte ich diesmal.

Nach dem Verlassen von Neustadtl heißt es dann bald vom Jakobsweg Abschied nehmen. Während sich der Pilgerweg weiter am Lauf der Donau orientiert, wendet sich der Eisenwurzenweg von nun an wieder direkt dem niederösterreichischen Alpenvorland zu. Ein letzter Blickfang vom Österreichischen Jakobsweg ist im Vorbeigehen noch die hoch thronende Kirche von Kollmitzberg, dann bestimmen landwirtschaftliche Anwesen meinen optischen Eindruck vom Weg. Sie gehören alle zur Streusiedlung Stiefelberg. Beim Hof „Almerstein“ finde ich den korrekten Übergang über den Mühlbach oder einen seiner Zubringer nicht, also weiche ich über eine Brücke in der Nähe aus. Die nun folgenden Häuser gehören bereits zur Siedlung Hochholz, von wo ich den nächsten größeren Ort auf der nächsten Kuppe bereits erkenne. Es ist Viehdorf, wo wieder eine Einkehr angedacht ist, die sich jedoch mangels Gasthaus bzw. Café erübrigt. Es bleibt mir nur der Platz vor dem Gemeindeamt und dort finde ich immerhin eine schattige Sitzgelegenheit vor.

Die Kommune wirkt verschlafen und beinahe ausgestorben. Damit ich auf der Bank nicht selbst einnicke, mache ich mich nach fünfzehn Minuten wieder auf den Weg Richtung Amstetten. Die Gegend hinter Viehdorf ist das genaue Gegenteil der Gemeinde, denn der Weg verläuft an einer Bundesstraße entlang zur Unterführung der A1, wo man von zahlreichen Fahrzeugen dauerberauscht wird und wo selbst dem müdesten Wanderer wieder Beine gemacht werden. „Nur schnell weg hier!“ lautet die Devise. Dahinter gibt es nur noch einen nennenswerten kurzen Anstieg bei Schimming und Koplarn mit dahinter auch nicht ganz einfacher Wegfindung. Es geht aber alles gut und ich zweige korrekt bei einer Kapelle zum Spitalswald hin ab, an dessen anderem Ende das Stadtgebiet von Amstetten beginnt.

Das Waldstück ist wohltuend, schließlich war ich die meiste Zeit des Tages in der Sonne unterwegs. Dementsprechend gemächlich gehe ich dahin, wenngleich – wie sich bald herausstellt – meine Lockerheit nicht ganz angebracht ist. Ich habe in Amstetten noch kein Quartier vorreserviert, was dem guten Bahnanschluss nach Wien geschuldet ist. Die erste Überraschung ist, dass sich in Bahnhofsnähe keiner der potentiellen Beherbergungsbetriebe angesiedelt hat und das Stadtzentrum gefühlt mehr als einen Kilometer entfernt ist. Dorthin gelaufen, scheitere ich zunächst im Gasthof „Goldener Pflug“ mit meinem Begehren nach einer Unterkunft. Eilends nach weiteren erfolglosen Versuchen die gerade noch geöffnete Tourismusinformation aufsuchend, werde ich zur Pension Leichtfried vermittelt. Ich begebe mich gerade dorthin, als ich feststelle, dass meine neuen Wanderstöcke das hektische Hin und Her nicht mehr mitgemacht haben. Erst nach mehrmaligem Pendeln zwischen jenem Punkt, wo mir das Fehlen der Stöcke auffiel und dem „Goldenen Pflug“ habe ich sie wieder. Sie haben im Gasthof still und unauffällig in einer düsteren Gang-ecke die Zeit überdauert.

Geschwitzt habe ich nun genug. Nach dem Duschen mache ich noch eine Runde um den Hauptplatz, wo ich später noch in eine Pizzeria zum Essen gehe. Die Pizza ist nicht schlecht, das Lokal aber wegen der noch eher frühen Abendstunde nur spärlich besucht.

Die Pension Leichtfried ist preislich mit 60 EUR  auf Basis Ü/F sicher nicht die günstigste Unterkunft in Amstetten, deren Ausstattung kann sich jedoch sehen lassen, womit das Preis-Leistungs-Verhältnis in Ordnung ist. Das Frühstück wird ins Zimmer gebracht und ist reichhaltig. Auf Wunsch wird die Morgenmahlzeit zumindest schon ab sieben Uhr zubereitet, was mir am nächsten Tag zugute kommen wird. Geplant ist eine Übernachtung im Wallfahrtsort Sonntagberg, aber ob es so kommen mag weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Möglicherweise kommt es auch ganz anders, denn es soll der letzte Tag einer ganzen Serie mit Sonnenschein und ohne Regen sein – genau genommen seit dem Anstieg auf den Nebelstein im hohen Norden des Waldviertels. In Sonntagberg werden die Würfel fallen.

 

 

 

 

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