Eisenwurzenweg 08: Tag 9 – eine Asphalt Challenge

Das Morgenprozedere in der Pension klappt reibungslos, so dass ich kurz vor acht Uhr startklar vor der Eingangstür stehe. Die Unterkunft liegt – wie bereits erwähnt – nicht  direkt am Wanderweg, sondern ich muss erst einen Kilometer zum Bahnhof zurück laufen – zumindest wenn ich der neuen Wegführung folgen will. Die wurde von einer verkehrsreichen Amstettener Ausfallstraße weg und mehr zur Ybbsau hin verschwenkt. Gehtechnisch bedeutet das für mich einigen Mehraufwand, denn auf der Straße wäre ich schneller bei der Ybbsbrücke. Die Promenadenwege sind dafür deutlich ruhiger und haben entschleunigende Wirkung auf mich. Ich muss aufpassen, dass ich hier nicht zu viel Zeit verbummle und vor allem die spitzwinkelige Abzweigung zur Brücke hin nicht verpasse. Ein Blick auf die Karte verrät mir, dass ich danach lange nicht mehr ans andere Ufer der Ybbs gelangen würde.

 

Ist die Brücke einmal überquert, geht es gleich danach unmittelbar vor Allersdorf nach links in Richtung Kläranlage weiter und das immer noch auf Asphalt, was zu meinem Leidwesen auch die meiste Zeit des Tages so bleibt. Nach der Kläranlage geht die Landschaft allmählich von Auwald links und verbautem Siedlungsgebiet rechts zu landwirtschaftlichen Kulturen über. Doch das Ende des Flachlandes vulgo Ybbstal ist bereits absehbar, denn schon die ganze Zeit bewege ich mich direkt auf eine vor mir quer durch die Landschaft verlaufende Hügelkette zu, hinter der ich mein nächstes Zwischenziel Euratsfeld vermute. Hinter der Rotte Doislau  und unmittelbar am Beginn besagter Geländestufe erreiche ich eine Straße. Hier hat man im Vergleich zu meiner Karte abermals den Weg umgeleitet. Der neue Wegverlauf durchquert nun die Streusiedlung Schönbichl – beinahe ausnahmslos auf Straßen bergauf und wieder bergab. Ich passiere dabei den Hof „Gießhübl“ mit seinem neugierigen Weidevieh und den Weiler Pittersberg. Nur die letzten Meter, bevor der alte Weg bei einer Kapelle von Damberg daher kommt, sind geschottert. Eine weitere Straße übersetzend beginnen danach Feld- und Wiesenwege, auf denen ich über zwei den Zauchbach querende Brücken zu einem Wäldchen hin entlanggehe. Auf der anderen Seite sind nur schwache Pfadspuren vorhanden, die die nächste Verwellung im Gelände wieder bergan führen. Eine freistehende Baumgruppe weiter oben dient mir dabei als Orientierungspunkt, denn dort beginnt ein deutlich erkennbarer Feldweg und ab diesem Punkt sind auch die Häuser von Euratsfeld wieder zu sehen, die schon von der gegenüberliegenden Seite bei Gießhübl erstmals zu erkennen waren.

 

Zwei Stunden bin ich bereits unterwegs, als ich mich auf einem Stuhl in einer Konditorei mitten in Euratsfeld niederlasse. Ich werde heute noch öfter Pausen einschieben, die Asphalthatscherei fordert ihren Tribut. Wieder aus dem Ortsgebiet herausgewandert, dient mir ein etwa zwei Kilometer langer Abschnitt auf einem Radweg als Verbindungsstück zum Gehöft Obergafring.  Der nun folgende Wirtschaftsweg, auf den ich hier wechsle, ist selbstverständlich perfekt geteert. Positiv ist, dass es jetzt mehr und mehr ins Alpenvorland hinein und vor allem hinauf geht. Zunächst noch recht gemächlich bis zum Gut „Völkrahof“, ab dort dann aber deutlich steiler mit dazwischenliegenden Senken, damit so am Ende noch mehr Höhenmeter zusammenkommen. Durch den Hinterwald umgehe ich einen namenlosen Mugel mit einer gewaltigen Höhe von 409 Metern. Ich durchwandere die Ortschaft Niederaigen und beginne gleich anschließend den etwas zähen Anstieg zu den Höfen von Oberaigen.

Dort angekommen leiste ich mir zunächst einmal einen gröberen Vergeher bis an einem Weidegatter Schluss mit Weg ist. Die drei Minuten doppelt zurückgelegter Strecke lassen mich am Ende jene Markierung erkennen, der ich einen Wiesenweg weiter bergan hätte folgen sollen. Durch Wald hindurch stoße ich abermals auf Weidegebiet, wo der weitere Wegverlauf nicht ganz klar ist und von mir auch keine Markierung ausgemacht werden kann. Auf dem teilweise aufgewühlten Weidegrund stolpere ich querfeldein aufwärts und finde am Ende sogar meine Markierung wieder, die mich zu einer Straßenkehre bringt. Weiter auf der Straße bergan gehe ich nun in wenigen Minuten zum „Panoramastüberl Hochkogelberg“ im Bereich des „Graswinkel“, wo ich kurz zwecks Rast einkehre. Vom „Graswinkel“ habe ich übrigens letztmalig gute Sicht auf das untere Ybbstal und Amstetten hinab.

 

Nach der Pause stehen mir weitere sechs harte Asphaltkilometer nach St. Leonhard am Wald bevor. Abgemildert wird diese Tortur ein wenig durch die gute Aussicht ins Alpenvorland hinein. Der Weg ist auf meiner Kompass-Karte als Mostviertler Panorama-Höhenweg eingetragen und passiert die Höfe Bründlehen, Haslöd, Pyhra und Wachsenegg, bevor ich in einem Sattel an eine Kreuzung gelange. Diesen Abschnitt lege ich trotz der schönen Ausblicke recht flott zurück. Nun wartet jedoch der finale und steile Aufstieg nach St. Leonhard am Wald. Eine Kehre kann dabei laut Markierung auf einem Waldweg abgekürzt werden, dies war allerdings Mitte September 2018 keineswegs zu empfehlen. Der Waldweg war damals mit Unkraut und Brennesseln einen guten Meter hoch verwachsen und hätte die Wanderer zum Gebrauch eines guten Buschmessers genötigt. Auf diese Weise wäre viel Zeit verloren gegangen und ich habe für die kommende Nacht noch kein Quartier vorreserviert, was ich in St. Leonhard am Wald versuche nachzuholen.

 

Zu diesem Zweck kehre ich dort am mittleren Nachmittag neuerlich in einen Gasthof ein, habe aber mit mehreren Anrufen in Sonntagberg kein Glück. Ich bin dadurch zum Abstieg ins Ybbstal gezwungen, denn angesichts der ungünstigen Wettervorhersage für den nächsten Tag möchte ich nicht in St. Leonhard, wo ich übrigens ein Zimmer bekommen hätte, bleiben. Ich mache mich lieber schleunigst auf den Weg, der sich jetzt um eine geschätzte knappe Stunde verlängern wird. Der Ort St. Leonhard am Wald ist ein mir nicht mehr unbekannter, weil ich schon vor Jahren während meiner Begehung des  Voralpenweges hier durchgekommen bin. Damals führte mich der Weg über Schmied-, Wies- und Schobersberg  – alles Erhebungen, welche ich auf dem vor mir liegenden Panorama-Höhenweg nach Sonntagberg aus einer anderen Perspektive wiedersehen werde.

Das ist auch der Grund dafür, dass ich nicht in St. Leonhard am Wald über Nacht bleibe, denn für morgen ist dichte Bewölkung mit Regen angesagt, was bekanntlich kein Wetter für das Bewandern eines aussichtsreichen Höhenweges ist. „Aussichtsreich“ ist da keine Übertreibung, denn die Rundumsicht reicht zuerst bei St. Leonhard am Wald noch zurück auf die bisher vom „Graswinkel“ herüber begangene Strecke und danach an ein paar Höfen bzw. Häusern vorbei zu einem Gupf mit dem verallgemeinernden Namen „Kogel“ hinüber. Der hält für mich immerhin einen aussichtsreichen Rastplatz auf einem nordseitig abfallenden Wiesenhang bereit, den ich wegen der tollen und beinahe durchgängigen Asphalt-Challenge gerne für mich in Anspruch nehme. Mit seinen 712 Metern Höhe ragt der „Kogel“ genauso weit in die Höhe wie der (Wallfahrtsort) Sonntagberg und markiert damit den höchsten Punkt auf dem Panorama-Höhenweg. Kurz nach dem Hof „Wagenöd“ verlässt der Weg kurz einmal die Straße, um auf dem Kamm zu bleiben und nach der nächsten Kreuzung wiederholt sich das, sofern man den Weg 254 über den Herzogenberg gehen will. Laut meiner Karte bleibt mein Weg hier auf der Straße, ich bin mir aber da nicht so sicher.

 

Eine Kuppe später bin ich in Sonntagberg, wo ich zunächst einmal die Aussicht über größere Teile des Alpenvorlandes genieße und dann im GH Lagler einkehre, wo ich das Mittagessen nachhole. Der Ruhetag fällt zwar erst auf den Folgetag, aber man will mir deswegen trotzdem kein Zimmer geben. (O-Ton: “ Na, wegen ihnen tu ich morgen ned z’sammrama…“). Anscheinend verdient man hier an fünf Tagen in der Woche genug. Private Vermieter sind dagegen mit Bauarbeitern einer nahen Baustelle voll belegt.

 

Die letzte knappe Stunde Wegzeit führt mich über einen urigen Wiesenweg aus dem Wallfahrtsort hinaus und auf einer sehr steilen Schotterstraße durch den Wald hinab. Nach links zu komme ich am Kaiserhof vorbei, wo mich der Asphalt wieder hat. In ein paar Kehren nähere ich mich dem Ort Böhlerwerk bis unmittelbar an die Bahntrasse der Ybbstalbahn.

 

Ein paar Meter auf einem Pfad direkt an der Bahnlinie arbeite ich mich noch bis zur nächsten Straßenunterführung vor und auf der anderen Seite wieder ein paar Meter zur Haltestelle hoch. Es verbleiben noch wenige Minuten bis zur Abfahrt des nächsten Zuges nach Amstetten und weiter nach Wien. Ich habe nämlich beschlossen, den zu erwartenden Regentag daheim auszusitzen und falls die Amstettner Hütte auf der nächsten Etappe geöffnet hat, am Samstag hierher zurückzukehren, um noch zwei Wandertage bis nach Hollenstein an der Ybbs anzuhängen. Dort wird sich dann auch der mich seit kurz vor Gmünd begleitende Niederösterreichische Landesrundwanderweg in Richtung Osten verabschieden. Meine Gehrichtung bleibt jedoch sicher gegen Süden zu ausgerichtet, will ich doch am wandertechnisch südlichsten erreichbaren Punkt der Alpenrepublik ankommen.

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