Via Jacobi: Durch das Freiburger Mittelland (Teil 2) – auf die Schnelle zur Kapelle

Ich sitze auf der Bank beim Steinkreuz Belle-Croix und verzehre den Verkehr an  der nahen Kreuzung beobachtend einen Müsliriegel. Dabei sinniere ich über Fribourg oder genauer darüber, was mir in der Stadt gefallen hat (die erste Hälfte bis zum Bahnhof) und was mir weniger gefallen hat (die zweite Hälfte ab dem Bahnhof). Nach zwanzig Minuten, in denen kein weiterer Pilger hier vorbeikommt, habe ich genug und setze meinen Weg durch den Wald fort. Statt Pilgern begegne ich im Wald Freizeitsportlern in Ausübung ihres Afterwork-Trainings. Mitten im Bois de Belle-Croix teilt sich der Jakobsweg.

Eine Wegvariante wendet sich im Wald nach rechts und führt über Payerne und Lucens nach Moudon, der Hauptweg behält die Richtung vorerst bei und bringt Pilger über Romont nach Moudon, wo sich beide Wege wieder vereinigen. Beide Alternativen sind in etwa gleich lang.

Ich verbleibe brav auf der Hauptroute, weil ich ja sonst meine Unterkunft in Posieux großräumig umgehen würde. Romont will ich aber auch unbedingt besuchen, weshalb die Variante über Payerne nie ein Thema für mich war.

Ein solches wird allerdings zunehmend das Wetter. Noch im Wald nehme ich das Grummeln eines herannahenden Gewitters wahr. Was sich da vor mir aufbaut, erkenne ich erst, als ich unmittelbar nach dem Verlassen des Waldes in einem weiten Linksbogen um die Kirche von Villars-sur-Glâne herumgehe. Von den Freiburger Alpen ausgehend zieht sich eine dunkelgraue Wolkenwand bis zum Jura hinüber. Ich gehe zur Kirche, die dankenswerterweise ein Vordach vor dem Eingangsbereich hat, um sie mir von innen anzusehen und danach meine Lage zu checken. Weil ich das Gelände bis kurz vor Posieux recht gut von meinem Standort aus überblicken kann, fällt ein Vergleich mit der Skizze im Wanderbuch relativ leicht. Das Ergebnis lautet, dass ich genau in das Gewitter hineingehen müsste.

Es folgt die in solchen Fällen bereits gewohnte ungefähr einstündige Zwangspause, während der es auch sukzessive abkühlt, so dass ich nach einiger Zeit meine Jacke hervorkramen und überziehen muss. Blitz, Donner und arge Fallstreifen des vermutlich heftigen Regens wirken zwar spektakulär, dennoch macht sich bei mir zunehmend Fadesse breit. Sobald die nachlassende Energiezufuhr Blitz und Donner verschwinden lassen, mache ich meinen Rucksack und mich wetterfest und breche wieder auf, denn schließlich werde ich in Posieux zum Abendessen erwartet. Bis zu mir nach Villars-sur-Glâne haben es ohnehin nur ein paar Regentropfen geschafft (auf dem weiteren Weg bis nach Posieux hätte ich allerdings ohne nennenswerten Unterstand auskommen müssen, Anm.).

Ich vollende also den Linksbogen bis zum Bahnhof und wandere kurz danach in das Tal der Glâne hinab. Noch immer drohen nasse Grüße von oben, was die Schrittgeschwindigkeit meiner Beine etwas erhöht. Meinem Kopf ist das gar nicht recht, denn Pilgern ist kein Leistungssport. Bei der Überquerung der Glâne über die historische Brücke Sainte Appoline unmittelbar bei der gleichnamigen Kapelle setzt sich der Kopf für kurze Zeit durch, denn ich bleibe zum Fotografieren stehen. Gleich darauf setzt neuerlich Regen ein. Flotten Schrittes steige ich einen Hang zum nahen Waldrand des Bois de Monterban empor. Auch im Hohlweg unter den Laubbäumen des Waldes geht es leicht bergan, bis ich den Wald bei einer Kreuzung wieder verlasse.

An der Kreuzung könnte ich zur Zisterzienserabtei Hauterive hin abbiegen, wo es auch Nächtigungsangebote für Pilger gibt. Von der Kreuzung aus habe ich jedoch schon freie Sicht auf die Häuser von Posieux. Dorthin zieht es mich heute, denn ich probiere erstmals eine Unterkunft „accueil jacqaire“ aus – quasi eine privates Zimmer mit Verpflegung und das alles auf Spendenbasis. Jeder Gast gibt so viel, wie er für angemessen hält. Das Quartier zu finden, ist nicht schwierig, liegt es doch direkt am Jakobsweg. Beim Timing habe ich wieder einmal Glück, weil ein heftiger Regenguss auf Posieux niedergeht, noch während ich unter der Dusche stehe. Ein ausgiebiges Käsefondue und Gespräche mit dem Ehepaar, bei dem ich für diese Nacht wohne, runden den Abend ab.

Die gemeinsame Zeit mit den beiden ist viel zu kurz. Am nächsten Morgen verabschiede ich mich um acht Uhr vor dem Haus wieder von ihnen und marschiere vorerst ohne konkretes Tagesziel los. Abhängig vom Erfolg bei der Quartiersuche möchte ich heute zwischen dreißig und fünfunddreißig Kilometer laufen, womit Moudon erreichbar wäre. Ich starte bei strahlendem Sonnenschein und das bleibt die meiste Zeit des Tages auch so. Aus Posieux heraus geht es vorerst unter der Autobahn hindurch bis zu einem Flugplatz für Kleinflugzeuge kurz nach Ecuvillens. Auf dessen anderer Seite befindet sich der Bois de Cornard, durch den ich nun hindurch gehen soll, was mir nur nach einer halben Umrundung der Landepiste möglich ist. Mitten im Wald steht eine Schutzhütte (Cabane de Cornard), ausgestattet mit Bänken, Feuerstellen und sogar einem Brunnen. Ich werde heute nichts Vergleichbares mehr vorfinden, also lasse ich mich hier selbstverständlich für ein paar Minuten nieder und lausche den Geräuschen des Waldes und seiner Tierwelt.

Zwei Richtungsänderungen nach meinem Aufbruch vom Rastplatz ist Schluss mit Wald und ich bin auf einem bezeichneten Jakobsweg (Route St. Jacques) in das überschaubare Örtchen Posat hinein unterwegs. An dessen Ende verweile ich kurz bei der Wallfahrtskapelle, in deren Inneren sich schöne Wandmalereien befinden. Unterhalb der Kapelle ist ein Brunnen angelegt, dessen Wasser eine wunderbare Heilkraft nachgesagt wird. Auch diesen suche ich auf. Ein Pfad führt von hier in den von der Glâne durchflossenen Graben hinab. Über eine Holzbrücke gelange ich auf der anderen Seite in den Bois de Grands Champs und wieder aufwärts an eine Straße, welche nun direkt nach Autigny, den nächsten Durchgangsort leitet. Den Kirchturm der Gemeinde kann ich schon von weitem erkennen, dennoch zieht es sich ein wenig bis ich in der innen sehenswerten Kirche Saint-Maurice stehe, den Stempel einhole und im Pilgerbuch blättere, bevor ich meinen eigenen Eintrag anfüge. Die Einträge reichen mehr als zwei Jahre zurück, so dass ich auch einen von einer mir bekannten Pilgerin vorfinde.

Abermals begebe ich mich auf der Straße zur Glâne hinab und überquere das Flüsschen an der Mühle Moulin de Chénens im Weiler Vers le Moulin. Gleich nach der Brücke mache ich es mir auf einer großzügigen Sitzgelegenheit bequem. Das wirkt vielleicht zu diesem Zeitpunkt, wo in unmittelbarer Nähe bei der Mühle drei Arbeiter schwer malochen, etwas provokant, allerdings wird es die nächste Pause wahrscheinlich erst zu Mittag in Romont geben. Die Arbeiter scheinen für einen in der Mühle ansässigen Künstler tätig zu sein (eventuell ist einer der von mir beobachteten Arbeiter sogar der Künstler selbst, Anm.).

Da ich auf einem Pilgerweg unterwegs bin, wundert es nicht, dass ich in Chavannes-sous-Orsonnes nach Posieux und Posat bereits an der dritten Kapelle heute vorbeikomme (die Kapelle Ste. Appoline vom Vortag nicht eingerechnet, Anm.). Diese hier stammt aus der Zeit des Hochbarock des 16. Jahrhunderts und es lohnt sich, hier einen Blick hinein zu riskieren.

Ich wandere nun durch das breite Tal des Baches Neirigue der Länge nach hindurch und gewahre etwas weiter vor mir auf einer Anhöhe eine größere Ansammlung von Gebäuden. Etwa gar Romont, dessen Lage ich aus Berichten und Bildern ähnlich einschätze? Fehlanzeige! Es fehlt die markante Kirche und der Weg wendet sich später auch nach rechts um die Anhöhe herum. Es dauert bis nach der Passage des Weilers La Longeraie, als es endlich so weit ist: Ich bekomme Romont zu sehen! Beim anschließenden Tennis Center Glâne ist ein größerer Auflauf an gut gekleideten Menschen und am benachbarten Parkplatz tragen zahlreiche Vehikel einen Stern von Mercedes. Also nehme ich ein kurzes Bad in der Menge der hiesigen (?) High Society, gehe dann meines Weges und überquere die nur noch Bachbreite aufweisende Glâne ein letztes Mal zur Abbaye de la Fille-Dieu hin, welche Pilgern auch Unterkunft bietet.

Von der Abtei weg sind es nur noch ein paar steile Meter und Minuten in das sehenswerte mittelalterliche Städtchen Romont hinauf, wo ich mich in der Grande Rue in einem Gastgarten hinsetze. Nach der Konsumation von Speis und Trank inspiziere ich die Kirche Notre Dame de l’Assomption (Maria Himmelfahrt) und begebe mich in die Rue du Château, wo man am höchsten Punkt des Städtchens ein Schloss errichtet hat.

Auf dieser gelange ich am südlichen Ende aus Romont wieder heraus. Der Weg durch das daran anschließende Industriegelände ist etwas verwirrend. Mehrfach muss ich kurz hintereinander nachlesen, wie es korrekt weitergeht. Das alles hat erst bei einer der Notre Dame des Pauvres gewidmeten Andachtsstelle sein Ende, weshalb ich die Einladung, hier sitzend kurz verweilen zu können gerne annehme. Zu viel Zeit darf ich allerdings nicht verlieren, denn ich weiß noch immer nicht, wo ich die kommende Nacht verbringen werde. Laut Karte und der eigenen Einschätzung kommen Curtilles oder Moudon infrage, bis dorthin ist es aber noch ein gutes Stück. Billens und Hennens heißen die nächstfolgenden Kommunen, danach beginnt der Weg wieder merklich zu steigen. Bei der Kapelle Saint-Bernard (Ha! Wieder eine…) und kurz darauf bei einem Rastplatz unter Zypressen erhasche ich letztmalig einen grandiosen Blick auf Romont und Umgebung.

Gleich darauf werde ich auf der Anhöhe für wenige hundert Meter zum Grenzgänger. Der Weg verläuft hier exakt an der Kantonsgrenze zwischen Fribourg und Vaud (Waadt). Wenn ich nach Genf will, muss ich Fribourg wohl oder übel hinter mir zurücklassen, weshalb der Jakobsweg bei einem Antennenmast die Richtung wechselt und nach Vaud hinein führt. Nun wieder bergab gehend ist Lovatens mit einigen typischen Bauernhäusern aus dem 18. und 19. Jahrhundert sowie mit der obligatorischen Kapelle die erste Gemeinde, durch die ich in Vaud durchkomme. Immer steiler und zunächst auch direkt verläuft der Weg in das Tal der Broye hinab. Nach einem kurzen Waldstück laufe ich an der Dorfstraße von Curtilles entlang. Wie ich zu spät nachlese ist dieser Ort vor allem wegen seiner reformierten Kirche aus dem 11. Jahrhundert von Interesse. Blöd nur, dass sie zweihundert Meter nach einer Kreuzung, wo der Jakobsweg nach links wegzeigt, errichtet wurde. Ich bekomme sie daher nicht zu Gesicht. Ich hätte natürlich auch weiter geradeaus und direkt zum Lauf der Broye gehen können um dort auf die von Payerne hier hereinkommende Wegvariante zu stoßen. Der Weg entlang der Broye nach Moudon soll überdies im Vergleich zum Hauptweg der Schönere sein. Mich interessiert das alles nur wenig, da sich entlang des Hauptweges auch das eine oder andere potentielle Quartier befindet, was ich mir auch aus der Nähe ansehen möchte. Am Ende sehen sie alle von außen nicht sehr vertrauenserweckend aus, so dass ich am Ende schon etwas müde doch am Ufer der Broye eine mehrere Kilometer lange Allee entlang bis nach Moudon hinein gehe.

Oder besser gesagt beinahe schon laufe. Das hat seinen Grund darin, dass die örtliche Tourismusinformation in Moudon um 17:30 Uhr schließt und ich es zuerst dort mit der Unterkunftssuche probieren will. Das alles geht sich für mich um nur wenige Minuten aus. Ein zentral gelegenes Quartier zu vergleichsweise günstigen Preisen ist rasch gefunden und im Büro muss die freundliche junge Dame wegen mir nicht einmal die Sperrstunde überziehen. Kurz darauf prasselt bereits das Wasser aus dem Duschkopf auf mich herab. Danach besuche ich noch die Kirche Saint-Étienne und ganz wichtig: den örtlichen Supermarkt, wo ich etwas für das Abendessen erstehen muss, denn ein „accueil jacqaire“ ist meine heutige Unterkunft nicht.

Erleichtert, dass am Ende alles so reibungslos geklappt hat, lasse ich den Abend in meiner kleinen Wohnung ausklingen. Eine erkleckliche Anzahl an sehenswerten Kapellen am Wegesrand ist auf diesem Abschnitt zusammengekommen und das war charakteristisch für diesen Tag.

Die nächste Etappe wird eine für jeden Pilger auf dem Schweizer Jakobsweg besondere sein. Lausanne ist nicht mehr weit und von den die Stadt umgebenden Hügeln aus wird man erstmals auf den Genfersee (Lac Léman) hinab blicken können. Das bedeutet: es geht in das Finale des Pilgerweges durch die Schweiz. Irgendwann am Nachmittag des nächsten Tages werde ich voraussichtlich die Kathedrale von Lausanne betreten. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt lasse ich es noch offen, ob ich danach noch ein paar Kilometer gehe oder mir in Lausanne ein Bett suche. Billig dürfte das so oder so nicht werden.

 

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