Via Jacobi: „Weg der Romandie“ (Teil 1) – in Lausanne ausgebremst

Das Finale auf der Via Jacobi ist nahe. Das merkt man unweigerlich daran, dass ab Moudon deren letzter Abschnitt – der „Weg der Romandie“ – seinen Ausgang nimmt und dass ich heute erstmals den Genfersee (von den Franzosen auch als „Lac Léman“ bezeichnet) zu Gesicht bekommen werde. Mit dem See dauert es noch bis kurz vor Lausanne, den „Weg der Romandie“ beschreite ich quasi bereits mit dem ersten Schritt vor der Haustür meiner Quartiergeber Hélène und André, welche sich für mich passenderweise in der Rue Saint-Bernard befindet.

Als Romandie oder auch Suisse romande bezeichnet man die frankophonen Gebiete der Schweiz, also grob gesagt die französischsprachige Schweiz oder auch Welschschweiz bzw. Westschweiz. Sie besteht weit gefasst aus den Kantonen Genf, Waadt, Jura und Neuenburg mit Französisch als Amtssprache sowie den frankophonen Teilen der zweisprachigen Kantone Bern, Freiburg und Wallis.

So manche Literatur zum Schweizer Jakobsweg, aber auch einschlägige Onlineseiten zum Thema lassen den „Weg der Romandie“ bereits in Romont beginnen, dies könnte jedoch einer unterschiedlichen Etappeneinteilung geschuldet sein.

Es wird wettermäßig ein prächtiger Tag werden, das spüre ich sofort, als ich das Haus verlasse und dementsprechend gehe ich es eher langsam an. So schlendere ich noch gemächlich durch die Altstadtgassen von Moudon bis zur Grande Rue und weiter zu einem Platz mit einem sehenswerten Brunnen. Hier gehe ich nochmals am Büro der Tourismusinformation vorbei in die Rue du Château hinein und zum Schloss hinauf. In dieser Gasse fallen mir erstmals die beiden Pilger mit ihren auffällig gefärbten T-Shirts auf. Bin ich also doch nicht alleine auf der Via Jacobi unterwegs. Möglicherweise kommen sie auch von Payerne herunter – ihr erinnert euch, das ist der Alternativweg von Fribourg nach Moudon.

Nach dem Schloss fällt der Weg wieder steil abwärts zum Flussbett der Broye hinunter und verläuft dann an diesem entlang. Die beiden Pilger laufen mal vor und mal hinter mir und als man sich bei einem Campingplatz wieder einmal begegnet, kommt es zu einer kurzen Unterhaltung. Sie wollen tatsächlich den gesamten Weg bis nach Galicien zum Atlantik gehen. Wanderkarten oder Wegbeschreibungen haben sie angeblich nicht bei sich, weil sie meinen, der Weg wäre gut genug ausgeschildert. Als Grund dafür geben sie die Gewichtsersparnis an. Na dann viel Glück!

Wir setzen den Weg wieder jeder in seinem Tempo fort, genauer gesagt sehen mich die beiden in der nächsten knappen halben Stunde nur von hinten und dann vermutlich gar nicht mehr. Das Gelände zieht ab Bressonaz leicht, aber stetig bergan und einige Zeit kann ich die beiden Pilger hinter mir noch als immer kleiner werdende, wegen ihrer T-Shirts leuchtende Punkte wahrnehmen. Ich gelange zur Abzweigung zum Hof Maufay, der durchschritten wird und im Anschluss daran habe ich einen bewaldeten Höhenrücken zu überqueren.

Von einem Aussichtspunkt blicke ich nochmals auf Moudon und das Tal der Broye zurück. Und was soll ich sagen: Ich bemerke, dass die beiden Herren auf dem Weg unterhalb meines Standortes in der hügeligen Mittelgebirgslandschaft eben den Abzweig zum Hof Maufay ignorieren und statt dessen in gerader Richtung weiter marschieren. Gedankenlosigkeit oder Absicht? Jedenfalls ist die Richtungsänderung deutlich beschildert und ein Verfehlen beinahe unmöglich. Es bleiben daher zwei Möglichkeiten: Entweder ist die Abkürzung so zeitsparend, dass ich sie nicht mehr einholen kann oder sie verlaufen sich bzw. stehen vor einer Absperrung wegen Privatgrund und müssen deswegen zeitraubend weit zurückwandern. Ich sehe sie jedenfalls ab diesem Zeitpunkt nicht mehr.

Vom Aussichtspunkt bis zum Dörfchen Vucherens ist es nur ein Katzensprung. Von der Anhöhe aus kommt man an klaren Tagen in den Genuss einer feinen Aussicht bis zu den Freiburger Alpen und eventuell auch Höherem im Südosten. Nicht außer Acht lassen sollte man auch die kleine Kapelle aus dem 18. Jahrhundert am Ortsausgang. Kurz geht es noch leicht bergauf bis zu einem Hof, dann beginnt der Weg gegen den Weiler Ecorcheboeuf hin zu fallen. Auf den Hügeln am südlichen Horizont sind bereits die Ausläufer des Bois de Grande Jorat zu erkennen, dahinter wartet ja vermutlich schon Lausanne auf mich.

Ecorcheboeuf ist unscheinbar und es gibt keinen Grund für mich, hier länger zu verweilen. Warm ist es mittlerweile auch geworden, da trifft es sich gut, dass ich für die nächsten rund eineinhalb Kilometer Wald vor mir habe. Dumm nur, dass dieser bereits zahlreiche Lichtungen aufweist und der Schatten immer weniger wird. Ich gelange an einen Rastplatz bei einer kleineren Lichtung, wo der aktuelle Sonnenstand doch noch ordentlich Schatten zulässt und mache es mir dort für einige Minuten bequem. Insgeheim spekuliere ich damit, dass mich die beiden Pilger hier vielleicht noch einholen könnten, aber Fehlanzeige.

Kurz darauf steige ich im finstersten Wald auf schmalem, steilem Pfad zum Bach Bressonne ab, überquere diesen und lande auf der gegenüber liegenden Seite des Baches schwitzend, weil wieder steil in der stehenden Luft aufgestiegen, bei der Kapelle La Cure von Montpreveyres. Nach einem kurzen Blick hinein folgt das grauslichste Wegstück des Tages, denn nach der Ortschaft wartet die stark befahrene Straßenverbindung zwischen Lausanne und Bern auf mich, welcher ich einen Kilometer lang zunächst auf einem Fußweg parallel zur Fahrbahn und danach direkt am Fahrbahnrand folge. Wo es geht, weiche ich auf den Grünstreifen aus, dem Straßenlärm entgehe ich allerdings nicht.

Die Folter findet erst ihr Ende, als ein Schild mich in einen zum Bois de Grande Jorat führenden Feldweg weist. Im Wald wird der Bach Bressonne nochmals übersetzt, dahinter wird selbst der nun zum Waldweg mutierte Feldweg allmählich angenehmer zu gehen. Für ein (für meine Begriffe zu) kurzes Waldstück habe ich sogar weichen, federnden Waldboden unter mir. Bei der ehemaligen Pilgerstation Sainte-Cathérine, die jetzt ein Tierheim ist, begebe ich mich in der Gegenrichtung auf deren Zufahrtsstraße. Auf ihr komme ich – immer noch im Wald – relativ zügig voran. Der Wald findet vorerst bei einem Sportplatz sein Ende und ich folge einer Straße bis zum Campingplatz Pra Collet, wo ich auf der gegenüberliegenden Seite – wie für die Mittagszeit bestellt – eine geöffnete Gastwirtschaft vorfinde. Auch wenn direkt an einer Straße gelegen, der Gastgarten zieht mich mehr an, als die Gaststube, also nehme ich draußen Platz.

Mein Aufenthalt dauert gute 45 Minuten, dann bin ich wieder dahin. Immer noch denke ich an eine Nächtigung etwa zehn bis zwölf Kilometer hinter Lausanne im Raum Préverenges. da muss ich noch einen Zahn zulegen. Am Campingplatz vorbei betrete ich hernach den Bois de Peccau, welcher nach dem gleichnamigen Bach benannt ist, den ich kurz darauf übersetze. Die nun folgenden Straßenquerungen und Durchmärsche von Wohnsiedlungen spielen sich alle bereits im Grenzgebiet von Lausanne und dessen Vorort Épalinges ab. Ich gerate neuerlich in einen Wald, an dessen Ende der Aufstieg zur auf einem Hügel thronenden Kapelle Croisette á Épalinges lohnt. Der Preis für die „Mühe“ ist ein herrlicher Blick auf den Genfersee und die dahinter liegenden Waadtländer und Savoyer Alpen. Bei der Kapelle habe ich wieder kurz Kontakt zu einem deutschen Pilgerpärchen. Eilig scheinen sie es nicht mehr zu haben, wohl weil sie jetzt schon wissen, dass sie die kommende Nacht hier in der Stadt verbringen werden.

Ich sehe zu, dass ich rasch zur Kathedrale hinunter komme und mache mich daher unverzüglich vom Acker. Im Zickzack geht es durch kleine Gässchen abwärts bis zu einem Busbahnhof und der Endstelle einer U-Bahnlinie. Mit den Öffis könnte ich viel schneller ins Zentrum von Lausanne zur Kathedrale gelangen, als Pilger ist das aber keine Option für mich. Selbst im Pilgerführer wird dies ausschließlich für den Notfall angeraten, zu viel würde man sonst versäumen. Der Weiterweg bringt mich durch mehrere Straßen und Wege bis an eine Schule, wo der Pilgerweg im Bois-Murat einen Graben zu durchziehen beginnt. Wie riesig die Nadelbäume hier sein sollen, fällt mir nicht wirklich auf. Ich achte eher darauf, nicht allzu viel Zeit mit Fotografieren einzubüßen. In Erinnerung habe ich jedenfalls, dass mir der Weg zum Gehen sehr gut gefällt und dass der Bach Flon neben mir geräuschvoll vor sich hingurgelt.

Nach zweimaligem Kreuzen des Baches unterläuft mir ein kleines Missgeschick. Ich soll nach rechts über Stufen aus dem Graben heraus kommen, übersehe jedoch in meinem Wanderbuch, dass dies erst nach der Unterquerung des Autobahnviadukts erfolgen soll. Der Stufenaufgang, den ich nehme, befindet sich aber bereits davor. Ich stehe danach wegsuchend an einer Straße, mag allerdings nicht mehr die 300 Meter in den Graben zurück. Ich finde den Chemin des Celtes und damit die Jakobswegschilder auch so wieder und gewahre kurz darauf den hölzernen Aussichtsturm Sauvabelin, den ich natürlich zeitbedingt auslasse. Auch für ein ohnehin überfülltes Restaurant davor finde ich keinerlei Zeitbudget. Von der 35 Meter hohen Plattform des Turmes soll man eine grandiose Aussicht über Lausanne und den Genfersee haben, die bis zum Mont Blanc reicht. Bezüglich letzterem hege ich jetzt im Gegenlicht der Sonne leichte Zweifel.

Etwas weiter unterhalb des Turmes befindet sich ein weiterer Aussichtspunkt, der kleine Sporn Signal de Sauvabelin, den ich über die Route du Signal erreiche. Einmal mehr habe ich einen fantastischen Blick auf Lausanne mit ihrer wuchtigen Kathedrale. Weiter auf steilem Pfad abwärts erreiche ich das  Château St-Maire (Sitz der Kantonsregierung) im Zentrum der Stadt. Von da aus sind es nur noch wenige Schritte bis zum Hauptportal der Kathedrale Notre Dame.

Ich trete ein uns sehe mich zunächst einmal im Inneren der Kathedrale um, bevor ich mich zur Tourismusinformation in einer Ecke nahe dem Ausgang begebe. Insgesamt drei Unterkünfte kämen für mich zwischen Lausanne und Prévèrenges infrage, erfahre ich ebendort. Eines davon liegt preislich jedoch deutlich über hundert Franken und scheidet damit sofort wieder aus. Bei den beiden anderen Quartieren habe ich kein Glück, denn es geht niemand ans Telefon. Die sofortige Fixierung des Schlafplatzes wäre allerdings Voraussetzung gewesen, von Lausanne aus noch weiter zu gehen, denn andernfalls schaffe ich die Strecke heute nicht mehr. Auch für die Kantonshauptstadt selbst hat man einen Vorschlag parat und zwar in einem Jugendwohnheim. Ein Anruf dort ist ergiebiger als jene zuvor und das Zimmer für Westschweizer Verhältnisse ziemlich wohlfeil. Gerade einmal fünfzig Franken will man von mir für die Nächtigung – zuzüglich fünf oder sieben Franken für ein Frühstück, wobei man essen kann, soviel man mag.

Es wird vereinbart, dass ich das Wohnheim sofort aufsuche, weil später länger niemand für die Zimmervergabe anwesend sei. Nach einer kurzen Wegbeschreibung mache ich mich auch schon auf die Suche nach der angeblich nur zehn Gehminuten entfernten Herberge. Ein bischen länger dauert es schon, weil ich ja nicht auf der Via Jacobi dorthin gehe. Hätte ich aber durchaus machen können, denn meine Bleibe befindet sich nur eine Straße abseits davon.

Nach dem Frischmachen wage ich dann noch ein paar zusätzliche Meter. Der Jakobsweg verläuft durch die nächste Straße und was liegt da näher, als diesen verkehrt herum zur Kathedrale, wo ich ihn ja verlassen habe, zurückzugehen. Gesagt – getan und diese Übung ist unheimlich easy. Nach nicht einmal einer halben Stunde stehe ich wieder vor dem Kirchenbau, der aus der Nähe nicht um die Burg auf das Display meiner Kamera passen will. Laut Literatur baut sich vor mir gerade das edelste Bauwerk der Schweizer Frühgotik auf. Im Jahr 1170 mit dem Bau begonnen, wurde die Kathedrale Notre Dame erst 105 Jahre später geweiht. Nach altem Brauch soll ein Wächter (le guet) vom Glockenstuhl des Mittelturmes zwischen 22 Uhr und 2 Uhr die Stunden ausrufen. Selbst bei geöffnetem Fenster entgeht mir dieser nächtliche Service vollends.

Gegenüber dem Haupttor des gotischen Sakralbaus begebe ich mich via überdachter Treppen (Escalier du Marché) zu einem sehenswerten Brunnen, den eine farbenprächtige Statue bzw. Skulptur der Justitia schmückt. Der Jakobsweg verläuft vom Brunnen weiter durch die Rue de Pont und auf der anderen Seite einer größeren Querstraße steil die Rue Saint-Francois aufwärts bis zum Place Saint-Francois mit seiner gotischen Kirche, die den gleichen Namen wie der Platz trägt. Der Platz ist der Verkehrsmittelpunkt der Stadt und genau hier haben sich zahlreiche Bank- und Geschäftshäuser angesiedelt.

Etwas weiter im Westen davon lasse ich – bereits wieder die Richtung zu meiner Unterkunft einschlagend – die Rue du Grand-Chêne auf mich wirken. Insbesondere das Hotel Lausanne Palace ist hier ein Blickfang. Etwa auf dieser Höhe bietet sich mir endlich auch eine gute Möglichkeit, die Kathedrale Notre Dame aus der Ferne einmal aufs Foto zu bringen. Für die Eidgenossenschaft typisch ist der sehenswerte Justizpalast in der Allée Ernest-Ansemet mit einem Wilhelm Tell-Denkmal vor der Frontseite. Nach dem Passieren des Casinos ist die Rue de la Vigie, in der ich meiner Erinnerung nach logiere, wieder erreicht.

Der restliche Abend ist ereignislos. Abendessen gibt es wieder aus dem Supermarkt und ein Bett für die nächste Nacht kann ich auch bereits organisieren.

Nach dem Frühstück werde ich morgen eine Ehrenrunde um den gegenüberliegenden Block drehen, um nichts von der Via Jacobi zu versäumen. Dann gilt es, den Weg aus der Stadt heraus zu finden, wobei das Ufer des Genfersees schon mal ein guter Orientierungspunkt ist. Genau auf den Uferwegen werde ich morgen viel Zeit verbringen und meine Beine werden mich dabei hoffentlich dreißig Kilometer weiter Richtung Genf tragen.

Wer von euch ist den „Weg der Romandie“ schon gegangen? Wie hat er euch gefallen? Seid ihr für zumindest eine Nacht in Lausanne geblieben oder aus Kostengründen möglichst schnell durchgerauscht? Lasst es mich wissen!

 

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