Via Jacobi: „Weg der Romandie“ (Teil 3) – der Weg zu den Schlössern

Der (vermutlich) letzte volle Wandertag auf der Via Jacobi durch die Schweiz ist angebrochen – zumindest, wenn alles nach Plan abläuft. Ich werde also abermals eine recht weite Strecke gehen und bis mittags keine Gewissheit über meinen Übernachtungsort haben. Mit dem Quartiergeber meiner ersten Wahl habe ich bereits am Vorabend telefoniert, dieser wollte oder konnte mich allerdings nicht bei sich aufnehmen. Somit ist nur der Weg bis nach Nyon gesichert, wo in der örtlichen Tourismusinformation die Entscheidung über das „wo“ und „wie weit“ fallen muss.

In meiner Unterkunft in Rolle wird kein Frühstück angeboten, worüber ich nicht wirklich unglücklich bin, denn so komme ich schon früher weg. Die Morgenmahlzeit nehme ich deshalb in einer Konditorei in der Grande Rue ein. Gleich danach stehe ich wieder am Genfersee beim von den Savoyern erbauten Château de Rolle, das aus dem 13. Jahrhundert stammt. Heute beherbergt das Schloss diverse Verwaltungsdienststellen.

Der Wanderweg wird mich heute noch an drei weitere Schlösser heranführen, jedoch an keines so nahe wie hier in Rolle. Für wenige hundert Meter laufe ich noch am See entlang und an der Île de la Harpe vorbei bis zum Yachthafen.

Die Insel im Genfersee ist übrigens nach dem Waadtländer Freiheitskämpfer Frédéric César de la Harpe benannt. Ihm verdanken die Waadtländer die Befreiung von der Berner Herrschaft im 18. Jahrhundert. Ein Obelisk auf der Insel erinnert daran.

Dann heißt es vorerst vom Seeufer Abschied nehmen, da man sonst die ganze Zeit an der stark befahrenen Kantonsstraße entlang gehen müßte. So quere ich diese nur und wenig später auch den Gleiskörper der Eisenbahn, indem ich mich landeinwärts wende bis ich an ein Wäldchen gelange, inmitten dessen der Bach Gillière durch einen Graben fließt. Das bedeutet für mich ein kurzes Ab und nach der Bachüberschreitung wieder ein kurzes Auf bis zum Waldrand, wo es nun in mehreren Richtungsänderungen auf Güterwegen weiter geht. Ich erreiche so die in das Dorf Bursinel hineinführende Straße, an der ich mich Richtung Dorf begebe. Dort steht ein sich heute in Privatbesitz befindendes Schloss aus dem 12. Jahrhundert, an dessen Mauern ich versuche, einen guten Blick auf das gesamte Bauwerk zu werfen, was aber nicht so recht gelingen mag, denn zu hoch ist die Begrenzung des Anwesens. Auf der anderen Straßenseite fallen die Rebhänge zum Genfersee, den ich hier zumindest von oben überblicken kann, ab. Im Dorf selbst gibt es daher auch einige Weinkellereien.

Sehenswert ist auch die aus dem 13. Jahrhundert stammende Kapelle Saint-Hilaire, von der ich heute vergeblich ein Foto in meinen Archiven suche. Der Übergang in den nächsten Ort Dully ist nahtlos und ich merke zunächst nicht viel, dass ich jetzt anderswo bin. Am Ortsende befindet sich eine Neubausiedlung, durch welche hindurch ich an einen weiteren Wald gelange, wo sich der Wegverlauf von zuvor wiederholt. Das bedeutet: zuerst Abstieg in den Graben zu einem Bach, nach dessen Übersetzen Wiederaufstieg aus dem Graben heraus bis zum gegenüberliegenden Waldrand. Der Unterschied zu vorhin ist, dass der Bach hier Dullive heißt und der Aufstiegsweg teilweise schmal und unbefestigt ist. Am Waldrand überblicke ich neuerlich großflächige Rebhänge, während ich auf den Ort Gland zugehe, wo ich nach etwa zwei Stunden Gehzeit in einem Buswartehäuschen nahe dem Bahnhof eine kurze Pause einlege.

Gland gefällt mir eher nicht, was daran liegt, dass der Ort modern wirkt und erst in den letzten Jahrzehnten einen gewaltigen Aufschwung erlebt hat. Ich zitiere an dieser Stelle aus meinem Wanderbuch von Hartmut Engel: „Während vor 40 Jahren gerade einmal 1.500 Menschen im Ort wohnten, sind es heute (2017, Anm.) schon nahezu 13.000, darunter sehr viele Prominente. (…) Fast 600 verschiedene Unternehmen haben ihren Sitz in dem Ort, darunter befinden sich die Zentrale vom WWF (World Wide Fund for Nature) und vom IUCN (International Union for the Conservation of Nature)“. Das deckt sich mit meinen Beobachtungen. Beim Einlaufen in Gland durchquerte ich zunächst einmal ein modernes Industriegebiet, auf dessen Zufahrtswegen zu Bürobeginn reger Verkehr herrschte.

Entlang der Bahnlinie habe ich es nun erneut mit einem relativ jungen Industriecluster zu tun – Wegumleitung inklusive. Ab hier bis ins Zentrum von Prangins stimmen die Angaben im Wanderbuch mit den tatsächlichen Markierungen nicht mehr überein, oder man hat vergessen, eine Variante, welche nochmals kurz an den Genfersee führt einzuarbeiten. An einer Wegteilung am Waldrand hinter Gland folge ich jedenfalls einem von Panzersperren, die wie überdimensionierte Tobleronestücke wirken, gesäumten Weg. Dieser bringt mich zunächst an eine Brücke über den Bach Promenthouse und auf der anderen Seite der Brücke wieder in den Wald. Der Waldweg leitet direkt in eine Zufahrtsstraße zum Genfersee. Dort vollziehe ich eine Schleife am Strandbad vorbei und weiter bis zur Staatsstraße 1 von Genf nach Lausanne.

Von der Straße steige ich in wenigen Minuten zum Schloss Prangins auf, das kurzzeitig sogar Voltaire als Domizil diente und in welchem heute das Schweizer Landesmuseum untergebracht ist. Vor allem die Schweizer Geschichte im 18. und 19. Jahrhundert wird in den Schauräumen abgebildet. Von hier sind es nur wenige Schritte bis zum Ortskern mit der sehenswerten Pfarrkirche Saint-Pancrace, ab wo Markierungen und Wanderbeschreibung wieder zusammenpassen.

Anm.: Laut Wanderbuch hätte ich direkt an einem Privatflughafen vorbeikommen sollen. So wäre ich zwar auf kürzeren, dafür aber unschöneren Wegen nach Prangins geleitet worden.

Prangins und Nyon sind quasi bereits zusammengewachsen, weshalb ich nur noch ein Wohngebiet zu durchqueren habe und dann einem Fußweg den Bahngleisen entlang folge um bald darauf den Bahnhof von Nyon zu erreichen.

Hier mache ich einen Abstecher ins Stadtzentrum, weil ich mich zur hiesigen Tourismusinformation begeben muss. Die freundliche Dame dort bemüht sich sehr und kann auch tatsächlich nach ein paar erfolglosen Versuchen ein freies, aber mit 93 CHF nicht eben wohlfeiles Bett in Versoix auftreiben. Diese Gemeinde liegt für meine Zwecke strategisch sehr günstig, da ich von dort nur noch etwa drei Stunden bis nach Genf brauchen würde. Für heute verheißt mir dieser Umstand allerdings noch ein gehöriges Wanderpensum. Mein ursprüngliches Wunschquartier irgendwo bei Mies wäre mit 70 CHF etwas günstiger gewesen, es hat aber nicht sein sollen. Mit der Sicherheit, die kommende Nacht in einem Bett schlafen zu können, isst es sich in einem nahegelegenen Gastgarten gleich viel entspannter. Sonst sehe ich mir in der Kleinstadt aus Zeitgründen nichts an und kehre nach dem Essen unverzüglich zum Bahnhofsgelände zurück. Dabei soll Nyon einen attraktiven mittelalterlichen Stadtkern haben.

Warm ist es in der Zwischenzeit geworden, da tut es gut, gleich hinter Nyon durch einen dichten Wald pilgern zu dürfen. Aber auch dieser hat ein Ende und ich befinde mich schon bald darauf wieder in verbautem Gebiet. Der Ort Crans-prèx-Céligny bietet den Besuchern ebenfalls ein liebliches Schloss zur Außenansicht, betreten kann der in Privatbesitz stehende Komplex jedoch nicht werden. Hinter Crans-prèx-Céligny befinde ich mich erstmals im Kanton Genf, aber nur deswegen, weil die Gemeinde Céligny eine Art Enklave im Waadtland bildet. Ein schöner Dorfkern zeichnet die Kommune aus, wie ich im Vorübergehen erkennen kann. Was ich hingegen nicht bemerke ist, dass der im Ort längere Zeit lebende britische Schauspieler Richard Burton hier auf dem Friedhof seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Am Friedhof vorbei gehend übersetze ich den Bach Le Brassu und beende damit mein Intermezzo im Kanton Genf. Bachaufwärts wendet sich der Pilgerweg jetzt einem weiteren Schloss – dem Château de Bossey – zu.

Das Schloss liegt hinter hohen Hecken versteckt, nur die Einfahrt steht offen. Im nett angelegten Schlossgarten scheint gerade ein gesellschaftliches Event abzulaufen, weswegen ich mich heraushalte und den Park nicht betrete. Das Château de Bossey steht im Eigentum des Weltrates der Kirchen und firmiert als Ökumenisches Institut. (Mess-) wein ist der Kirche nicht fremd, darum wundere ich mich auch nicht, dass ich nach dem Schloss über eine Allee und an Apfelplantagen vorbei in den Weinort Founex absteige.

Founex, Commugny, Tannay und Mies heißen die Durchgangsorte, welche nun dicht hintereinander folgen. In diesen habe ich beinahe ausschließlich Asphalt unter meinen Sohlen, der von den immer höher steigenden Temperaturen weiter aufgeheizt wird. Es ist drückend schwül und ich werde immer öfter zu Pausen gezwungen, so auch bei einer Bushaltestelle in Commugny. Ein paar sehr schöne Häuser und Plätze gibt hier entlang des Weges, von denen ich jedoch kaum mehr Notiz nehme. Was mich jetzt am mittleren Nachmittag interessiert, ist einzig und allein ein geöffnetes Lokal, wo ich im Schatten ein kühles Getränk meine Kehle hinunterrinnen lassen kann. Ein solches finde ich erst in Mies vor. Zuvor werfe ich in Commugny noch einen Blick auf die Kirche Saint-Christophe mit ihren sieben Seitenkapellen. Der anschließende Fußweg bringt mich zur Hauptstraße von Tannay, wo ich das Zentrum des Ortes aufsuche. Ein lieblicher Platz mit Brunnen und Sitzgelegenheiten lädt zum Verweilen ein, aber ich muss weiter. In Mies führe ich mir, wie bereits erwähnt, kühle Flüssigkeit zu. Nicht nur dies allein ist erwähnenswert, sondern auch, dass die Gemeinde die endgültig letzte auf Waadtländer Boden ist, die ich auf meiner Reise durchwandere.

Als ich eine halbe Stunde später das Café wieder verlasse, kündigt sich ein Gewitter an. Nach ein paar hundert Metern betrete ich endgültig den Kanton Genf, aber schon davor ist der französische Einfluss zusehends erkennbar. Versoix ist eigentlich der Nachbarort von Mies, dennoch gelangt man als Pilger eher umständlich dorthin. Dafür wandert man auf ca. 1,5 km am Canal de Versoix entlang. Der Kanal wirkt wie ein schmaler Bachlauf auf mich, der Weg ist dafür sehr schön zu gehen.

Das Gewitter schickt sich an, sich vom italienischen Seeufer zu mir auszudehnen. Am Ende des Weges entlang des Kanals beginnt es dann auch tatsächlich zu regnen. Also muss ich den Rucksack und mich für das kurze Stück bergab zum Bahnhof von Versoix und die anschließende Hotelsuche doch noch regenfest machen. Ich gehe am Ende die Staatsstraße Nr. 1 einmal auf und ab, das Hotel liegt aber in einer Seitengasse, deren beide Enden in die 1er münden. Es versprüht ein bisschen den Charme längst vergangener Jahre, ist aber aushaltbar. Gleich daneben gibt es ein gemütliches Restaurant, in dem man für diese Region preiswert essen kann.

Die Etappe von Rolle nach Versoix war für mich ziemlich anstrengend. Ein hoher Asphaltanteil, feucht-warme Witterung auf mehr als 30 Kilometern und am Ende Stress mit dem Gewitter fordern ihren Tribut, ich bereue aber keineswegs, dass ich mir das zugemutet habe. Den Lohn für diese Mühe erwarte ich erst in Genf. Das Regenwetter dauert noch bis in den Abend hinein, morgen soll es aber wieder besser werden. Morgen – das bedeutet für mich: Finale! Wie wird mich Genf empfangen? Sonnig? Grau? Oder gar nass? Was werde ich auf meinen letzten Kilometern dieser Pilgerreise zu sehen bekommen? Werde ich überhaupt ausreichend Zeit dafür haben? Wird die Stadt von Touristen überlaufen sein? So viele Fragen!

Wenn ich mich nicht gröber verlaufe, werde ich noch vor Mittag an der Promenade des Genfersees oder – wenn man sich an dieser Stelle bereits mehr an Frankreich orientiert – des Lac Léman entlang spazieren. In der Wegbeschreibung sind einige Points of Interest aufgelistet, von denen die meisten direkt am Jakobsweg liegen (oder der Weg bewusst an diesen vorbeigeführt wird, Anm.). Da sollte sich einiges davon bis zum späteren Nachmittag ausgehen. Am Abend werde ich dann in den Zug Richtung Zürich einsteigen, wo der Nachtzug nach Wien auf mich wartet.

Beim Wetter hatte ich bisher großes Glück auf meinem Weg durch die Schweiz. Bei wem von euch ist es dabei nicht so gut gelaufen? Wie hat sich das auf eure Stimmung ausgewirkt? Hat jemand von euch deswegen gar abbrechen müssen? Lasst es mich wissen!

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