Eisenwurzenweg 08: Tag 14 – Im Bann der Gesäuseberge

Zu Beginn dieses Julitages im Jahr 2019 ist es noch beinahe genauso stark bewölkt, wie am Vortag. Das soll sich aber im Verlauf des Vormittages noch ändern – man wird sehen. Als ich nach dem Frühstück und dem Packen meines Rucksacks vor die Tür der Ennstalerhütte trete, ist es noch ziemlich frisch. Das Einfangen des Bergpanoramas ringsum fällt dementsprechend kurz aus, viel gibt es ohnehin nicht zu sehen, vor allem nicht den Tamischbachturm. Auch sonst verschmelzen die Konturen der Berggipfel im Norden beinahe mit der tiefliegenden, grauen Wolkenmasse.

Nur unwesentlich besser sieht es im Südwesten aus, aber immerhin zeigt sich ein zarter Ansatz baldiger Wolkenauflösung. Genau dorthin wird mich mein Weg führen, denn heute steht zunächst einmal der Abstieg von der Hütte nach Gstatterboden im Ennstal an. Von dort weg werde ich im Wald bis zur Bahnhaltestelle Johnsbach weiterwandern und mich anschließend auf dem „Sagenweg“ durch das Johnsbachtal nach Johnsbach zum Gasthof „Zum Donner“ (vulgo „Donnerwirt“) begeben. Am Ende des Tages blüht mir noch der steile Aufstieg über die Huberalm zur Mödlinger Hütte.

Kurz nach acht Uhr beginne ich mit dem langen und teilweise steilen Abstieg nach Gstatterboden und begebe mich zu diesem Zweck von der Ennstalerhütte in wenigen Minuten wieder zurück bis zur Wegteilung „Landlereck“ hinab, wo ich mich gestern von rechts aus dem Mühlbachtal emporsteigend nach links meinem Quartier zuwandte. Nun folge ich dem gutmütigen Pfad nach links hinab bis zu einer Jagdhütte, ab der der Abstieg in mehreren steilen Serpentinen vonstatten geht und in weiterer Folge einen beinahe schon kahlen Hang zum Butterbründl hinüber quert. Auch hier ist der Pfad noch abschüssig, was auch bis zur Kreuzung mit einem Forstweg so bleibt.

Bis hierher lässt der Wald kaum einen Blick auf die umliegende Bergwelt zu, von nun an tun sich allerdings doch einige Lücken für fotografierende Weitwanderer auf, wenngleich die Bedingungen für herzeigbare Fotos alles andere als optimal sind. Wenn schon nicht der Tamischbachturm, der sich immer noch in Wolken hüllt, zu erkennen ist, die Tieflimauer, das Hochtor, der Große Buchstein, der Admonter Reichenstein und die Planspitze sowie das Zinödl lassen sich sehr gut ausmachen.

Durch ein Waldstück geht es noch zu einem Bachlauf hinab und so gelange ich direkt bei der Talstation der die Ennstalerhütte versorgenden Materialseilbahn an eine breite und frisch geschotterte Forststraße. Dieser folge ich (anders als im Wanderbuch angegeben) ein kurzes Stück weiter bergab und verlasse sie – meiner Markierung folgend – in einer scharfen Rechtskehre zur Niederscheibenalm hin. Über deren Almböden erreiche ich – endlich auch den Tamischbachturm gewahrend – bald wieder die von rechts daherkommende Forststraße, welche mich nahe dem Kropfbründl zu einer weiteren Forstraße bringt. Diese weist in ihrem Verlauf deutlich mehr Gefälle auf, so dass sich auch der eine oder andere aussichtsreiche Platz zum Verweilen findet. Einzig die Bedingungen fürs Fotografieren könnten besser sein.

Vorbei am Anwesen des Gstatterbodenbauers trennt sich die Markierung nochmals von der Forststraße und weist mich in einen schmalen, feuchten Pfad durch dichte Jungbaumbestände und einmal sogar durch einen deutlich eingeschnittenen Graben mit Bachquerung hindurch. Sobald sich der Pfad wieder verbreitert sind es nur noch wenige Schritte bis zum Kirchlein von Gstatterboden, wo ich einen guten, aussichtsreichen Pausenplatz vorfinde und auf den Parkplatz des Nationalpark-Pavillons herabblicke.

Hier wird mir auch bewusst, wie eng es im Gesäuse meist ist. Wenn das Ennstal hier keine Ausbuchtung für die Bebauung hergibt, ist ausschließlich Platz für den Fluss, den Gleiskörper und die Straße – that’s it. Gstatterboden ist für sich kein Hingucker, es ist das dahinter liegende Bergpanorama der zu den Ennstaler Alpen gehörenden Gesäuseberge, welche der Landschaft ihren Reiz geben und akustisch natürlich das Rauschen der Enns.

Nach meinem Pausenaufenthalt beim Kirchlein gehe ich ein Stück die mit einer aktiven Baustelle behübschte Bundesstraße entlang. Dort, wo sie nach links weg die Enns überbrückt, verlasse ich sie in gerader Richtung in eine Schotterstraße hinein. Diese ist zunächst von Fels gesäumt und bringt mich bald in ein Waldgebiet, welches ich unterhalb des Rauchbodens und des Kühgrabens zur Bahnhaltestelle Johnsbach hin durchwandere. Vom Rauchboden weg könnte man auch den Großen Buchstein (Klettersteig im obersten Abschnitt) besteigen. Im Wald ist die Markierung nicht immer erkennbar, was mitunter kleinere, lästige  Umwege zur Folge hat. Erfreulicher ist, dass ich mit dem Tagesgang mehr und mehr Blau über mir sehe.

Bei der Bahnhaltestelle Johnsbach übersetzen auch die Weitwanderer auf einem schmalen Holzsteg die Enns zur Zigeunerau hinüber. Bevor ich auf dem „Sagenweg“ ins Johnsbachtal hinein fortsetze, mache ich einen Abstecher zum Gasthof „Zur Bachbrücke“, welcher durchaus einen Besuch wert ist.

Wieder zurück auf dem nun meist dicht am Johnsbach verlaufenden „Sagenweg“ werde ich zunächst den Eindruck nicht los, dass Wanderer ihr Hobby hier nur auf großem Fuß ausleben sollten.

Unabhängig davon gestalten sich die nächsten eineinhalb Stunden äußerst abwechslungsreich. Weicher Waldboden, Holzstege, der schottrig-steinige Eingang zum „Gseng“ und zur Haindlkarhütte (der ich auch irgendwann einmal einen Besuch abstatten möchte) und schmale Pfade durch teilweise verwachsene Schneisen sind im Angebot. Dabei bekomme ich immer wieder den Bruckstein und den Großen Buchstein hinter mir zu sehen, während sich neben mir die Wand des Hellichten Stein aufbaut.

Das Gebiet vor Johnsbach wird laut Karte auch Zwischenmäuer genannt und links von mir ist auch die eine oder andere Felsformation zu sehen, wie zum Beispiel der „Versteinerte Schulmeister“.

Der Pfad mündet wieder in die Asphaltstraße ein und führt geradewegs zu einem Felsentor hin. Gleich dahinter leitet der Eisenwurzenweg nach rechts in den Wald hinein und ich stoße kurz vor dem Bergsteigerfriedhof wieder auf die Straße, auf der ich mich ein paar Schritte weiter in den Ort Johnsbach und zum „Donnerwirt“ begebe. Den Bergsteigerfriedhof lasse ich – anders als bei meiner Begehung des sich hier dazugesellenden Nordalpenweges – diesmal aus. In den sechs Jahren seither wird sich nicht viel geändert haben, nur dass es eventuell ein paar ewige Ruhestätten mehr gibt.

Nach der Kaffeepause beim „Donnerwirt“ wartet der finale Anstieg zur etwa 800 Höhenmeter über Johnsbach gelegenen Mödlinger Hütte auf mich. Gleich zu Beginn geht es, was den Gewinn an Höhenmetern betrifft, schon ordentlich zur Sache.

Etwa im Bereich des Winterhöllgrabens erinnere ich mich an eine Begegnung mit einem schon in die Jahre gekommenen Weitwanderer, als ich damals auf dem Nordalpenweg ebenfalls zur Mödlinger Hütte aufstieg. Der Senior erwanderte sich damals gerade den Eisenwurzenweg, jetzt folge ich seinen Spuren.

Nach der Stelle, wo ich ihn traf bzw. überholte wird der Weg schmäler, es sind mehr Steine und Wurzeln im Boden. Auf knapp über 1000 Meter passiere ich die etwas versteckte Huberalm und kreuze stets in der Nähe des parallel verlaufenden Treffnergrabens mehrmals den Forstweg. All das geschieht eher ereignislos und nur selten mit nennenswerter Aussicht.

Erst weiter oben öffnet sich der Wald mehr und lässt den Blick über Almböden zu einigen Berggipfeln zu.

Ein letzter steiler Aufschwung bringt mich schließlich auf den Höhenrücken, wo sich links die Treffneralm befindet und man rechts zur Mödlinger Hütte kommt. Das Panorama der Hütte mit dem Admonter Reichenstein ist einmalig und zählt zu meinen Lieblings-Bergmotiven.

Ich bekomme ein gemütliches kleines Zimmer mit Aussicht zu den Niederen Tauern, mit denen ich in den vergangenen Jahren ein wenig hadere. Es will nicht und nicht sein, dass mir deren Überschreitung möglich wird, aber das ist ein anderes Thema.

Nach einer stärkenden Mahlzeit lasse ich den Tag in der Gaststube der Hütte ausklingen. Außer mir bleiben auch noch einige andere Wanderer über Nacht auf der Hütte, die keineswegs voll belegt wirkt. So erzählen wir einander eben, was uns hierher verschlagen hat. Mir kommt vor, dass jetzt andere Pächter die Hütte bewirtschaften, als 2013. Klagen kann ich darob nicht, denn ich fühle mich bestens betreut.

Morgen werde ich Trieben im Paltental erreichen und dort ist witterungsbedingt auch vorläufig wieder Schluss. Vorhergesagter Sturm mit Schnee(-regen)schauern – und das Mitte Juli –  lassen eine Überschreitung des Kettentörls auf knapp 1900m Seehöhe kaum sinnvoll erscheinen. Es wird somit ein recht gemütlicher und kurzer Wandertag werden, denn bereits zur Mittagszeit möchte ich in Trieben ankommen.

Wer von euch kennt den Nationalpark im Gesäuse (liebevoll auch „Xeis“ genannt)? Hat jemand bereits einen der umliegenden Gipfel erklommen oder dies in absehbarer Zeit vor? Hat jemand von euch einmal auf der Mödlinger Hütte genächtigt und weiß von positiven oder negativen Erfahrungen zu berichten? Lasst es mich wissen!

2 Kommentare zu „Eisenwurzenweg 08: Tag 14 – Im Bann der Gesäuseberge“

  1. Bei meiner Begehung 1986 gab’s noch Leben in Gstatterboden!
    Einerseits ein Postamt, wo postlagernd ein Frischwäschepaket auf uns wartete und den Gasthof, in dem wir übernachteten. Ich habe noch Bilder, alter holzvertäfelter Zimmer vor mir, in denen hohe Holzbetten mit dicken Tuchenten standen und in denen ich gut schlief …

    Gefällt 1 Person

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