Gremi und Sighnaghi – Kachetien hinter Festungsmauern

Nach dem Aufenthalt in Lagodechi verbleibe ich vorerst noch in Kachetien. Das heutige Ziel ist die Stadt Sighnaghi, erst zum Abend hin soll es dann in den Großraum von Tbilisi weitergehen. Sighnaghi wäre über die Route M5 schnell erreichbar, doch sollte man von Lagodechi nicht direkt dorthin fahren, sondern einen Umweg einplanen und das Kloster Nekresi oder die Wehrkirche Gremi im Besichtigungsprogramm auch noch mitnehmen. Weil sich beides an einem Tag nicht ausgeht, bekommt Gremi den Vorzug.

Die Fahrt durch das Alazani-Tal an der Südseite des Großen Kaukasus nimmt etwa anderthalb Stunden in Anspruch, wobei mich bei klarer Sicht die teils noch verschneiten Bergketten, die auch die Grenze zu Russland markieren, faszinieren. Der Felsen, auf dem die sehenswerte Wehranlage steht, ist bereits aus der Distanz deutlich  zu erkennen, das eigentliche Dorf Gremi liegt etwas abseits davon. Hat man das Fahrzeug erst einmal geparkt, ist nur noch ein kurzer, aber steiler Anstieg über eine Steinstiege zu bewältigen, um zum Eingang der einer Festung ähnlichen Kirche zu gelangen.

Wehrkirche Gremi

Nach der Trennung von Kachetien und Kartlis wurde Gremi im 15. Jahrhundert vorübergehend die Hauptstadt von Kachetien, bis Persiens Schah Abbas I. und dessen Armee sie im Jahr 1615 nahezu dem Erdboden gleichmachten. Nur die Festung auf dem Felsen konnte von Persiens Truppen nicht zerstört werden. Seit 2007 gehört die Wehrkirche zum UNESCO-Weltkulturerbe, eine umfassende Restaurierung erfolgte erst neulich.

Der Komplex besteht im wesentlichen aus drei Teilen, nämlich der Erzengelkirche, einem freistehenden Glockenturm sowie der die Festung umgebenden Mauer. Als viertes Element können noch Reste eines Weinkellers angeführt werden. Vom Vorhof hinter dem Eingangsportal steige ich ein paar Steinstufen empor und betrete das mit zahlreichen Fresken verzierte Kreuzkuppelgewölbe der den Erzengeln Michael und Gabriel geweihten Kirche. Der Stifter dieses Kirchenbaues im Jahr 1565 war König Lewan I., der rechts vom Eingang auch in einem der Fresken mit einem Modell der Kirche dargestellt ist.

Anschließend gehe ich im Hof geradeaus weiter und erkunde den freistehenden dreigeschossigen Glockenturm, in dessen Erdgeschoss sich ein kleines Museum befindet. Im Obergeschoss ist eine Toilette aus dem 16. Jahrhundert ausgestellt. Zwei übereinander angeordnete Gucklöcher lassen hier einen Blick ins Freie zu, so dass ich mich über die Aussicht weit ins Alazani-Tal hinein sowie von oben auf die Kirche selbst erfreuen kann. Sehr gut erkennbar ist auch die rund um die Festung verlaufende Mauer, zu der man über eine Terrasse Zugang hat. Auf der in die oberen Etagen hinauf führende Treppe kann es bei erhöhtem Besucheraufkommen schon etwas eng werden. Für eine Visite der Anlage empfiehlt es sich deswegen zu Tagesrandzeiten anzureisen. Die Festung ist täglich von 9 bis 18 Uhr für Touristen geöffnet.

Während der Eintritt in die Kirche frei ist, werden für den Besuch des Museums und den Aufstieg auf den Glockenturm drei Lari fällig. Wer nach dem Besuch der Festung noch einzelne Lari übrig hat, kann sie bei den Verkaufsständen am Besucherparkplatz anbringen.

Wo sich die Überreste früherer wichtiger Bauwerke der ehemaligen Hauptstadt Kachetiens befinden, kann ich aus Zeitmangel nicht mehr eruieren. Vielmehr geht es in einer guten Stunde Fahrzeit über die aktuelle Kapitale Telavi weiter in die ebenfalls erhöht liegende Touristenhochburg Sighnaghi.

Sighnaghi

Vor Ort habe ich zwei Möglichkeiten: entweder sehe ich mir das Städtchen selbst zuerst an oder ich suche zunächst das etwa zwei Kilometer entfernte Kloster Bodbe auf. Ich entscheide mich dafür, mit dem Kloster zu beginnen.

Das Kloster Bodbe

Es handelt sich hierbei um ein Frauenkloster, in dem die heilige Nino begraben ist. Ich stehe somit an der Pforte zu einem der heiligsten Orte von ganz Georgien. Er ist von einer Mauer und hohen Zypressen umgeben, so dass ich von außen kaum in die Anlage einsehen kann. Im Inneren erschließt sich mir ein Garten, durch den ein Fußweg zu einer noch in Bau befindlichen neuen Kirche hinführt.

Links vom Weg wurde eine dreischiffige Basilika errichtet. Ursprünglich stand an dieser Stelle nur eine kleine Kapelle über dem Grab der heiligen Nino. Die aus dem 6. oder 7. Jahrhundert stammende Himmelfahrtskirche wurde ungefähr zwei Jahrhunderte später in die besagte Basilika umgebaut und die Kapelle mit dem Grabmal darin integriert. Das Nationalheiligtum der Georgier liegt rechts vom Eingang in der Südwestecke der Kirche.

Es gilt absolutes Fotografierverbot, doch meist herrscht ein so starkes Gedränge, dass es ohnehin beinahe unmöglich ist. Sieht man deswegen das Grabmal nicht, bleiben einem immer noch die aus dem 19. Jahrhundert stammenden Fresken an den Wänden des Gotteshauses, in dem ein Kopftuch für Frauen obligatorisch ist. Im 19. Jahrhundert kam noch ein gesondert stehender Glockenturm sowie einige Räumlichkeiten für die Nonnen zur Klosteranlage dazu.

In der neuen Kirche wurde vor allem im Inneren noch gearbeitet, weswegen eine Besichtigung unterbleiben muss. Vom Garten aus lohnt der Blick ins Alazani-Tal hinunter, doch beim Schauen muss man es als Besucher nicht belassen, sondern man hat auch die Möglichkeit, über steile Stufen ungefähr einen Kilometer durch den Wald zur Quelle der heiligen Nino abzusteigen. Georgier besuchen diese regelmäßig und nehmen rituelle Bäder darin oder füllen sich Wasser, dessen Genuss heilende Wirkung gegen diverse Krankheiten zugesprochen wird, ab.

Außerhalb der Klostermauern finde ich die gewohnten Souvenirstände vor. Ohne ihnen weiter Beachtung zu schenken, fahre ich wieder nach Sighnaghi, das auf seinen gepflasterten Straßen auch gut zu Fuß erkundet werden kann, zurück.

Kurz zur Geschichte der Stadt

Der Name leitet sich aus dem türkischen „signak“ ab und bedeutet so viel wie „Schutz“ oder „Unterstand“. Erst im 18. Jahrhundert als mit einer Festungsmauer und 23 Türmen umgebene Stadt angelegt, gilt Sighnaghi heute als eine der sehenswertesten Kommunen Georgiens. Dennoch war der Hügel, auf dem die Stadt heute steht, bereits deutlich früher – etwa zur Bronzezeit – besiedelt. Die Mauern der von König Irakli II. errichteten Festung sind heute noch zu besichtigen.

Im Stadtzentrum

Ausgehend vom Irakli II.-Platz (auch als Erekle II. Moedani bezeichnet), in dessen unmittelbarer Nähe auch der Busbahnhof mit regelmäßigen Verbindungen nach Tbilisi zum Busbahnhof Isani liegt, laufe ich die Kostawa-Straße zum Solomon-Dodashvili-Platz hoch, wo sich auch das in auffälligem Stil erbaute Rathaus mit seinem Uhrturm befindet. Über diesen Platz gehe ich der Länge nach direkt auf die alte Festungsmauer zu. Zu meiner Rechten kann ich tief ins Alazani-Tal hinunter blicken. Mit jenem Stadtteil im Vordergrund, in dem sich die St. Georgs-Kirche befindet, stehe ich an dieser Stelle wohl auf dem für Fotografen begehrtesten Standort von ganz Sighnaghi.

Die „georgische Stadt der Liebe“

Beim Stadtbild erinnert einiges eher an Süditalien als an die Nähe des Kaukasus, wofür vor allem die im Jahr 2007 restaurierten holzgeschnitzen Balkone und die engen Gassen ausschlaggebend sein dürften. Es ist darum wenig überraschend, dass die Stadt ein idealer Ort für Romantiker ist. Mögliche Folgen romantischer Stunden vor Ort lassen sich angeblich spontan und rund um die Uhr auf dem Standesamt im Rathaus besiegeln. Dazu muss man wissen, dass in Georgien auf jedem beliebigen Standesamt der Bund fürs Leben geschlossen werden kann und sich Sighnaghi als „die georgische Stadt der Liebe“ bezeichnet. Selbst mir lief bei meinem kurzen Aufenthalt hier oben ein offenbar heiratswilliges Pärchen über den Weg.

Alte kachetische Gemäuer und Weine

Ich habe an diesem Tag allerdings andere Pläne. So sehe ich mir zum Beispiel eines der Stadttore an. Auf dem Rückweg komme ich nach wenigen Schritten am Weinmuseum vorbei, der davor stehende und auffällig lackierte Wagen ist nicht zu übersehen. Das Museum erinnert mich daran, dass die Stadt inmitten eines Weinanbaugebietes liegt. Weinangebote bekommt man jedoch auch an anderen Stellen in Sighnaghi, so zum Beispiel in der „Pheasant Tears“-Winery.

Wieder beim Solomon-Dodashvili-Platz zurück, erblicke ich links an der Mauer eine Gedenkstelle an alle georgischen Gefallenen des Zweiten Weltkrieges. Sie ist etwa zwanzig Meter lang und damit ziemlich imposant. Weiters werden auf dem Platz unter den Schatten spendenden Bäumen Souvenirs und Churchkela (Hart- oder Dauerwurst) feilgeboten.

Kunst und Kultur

Dazwischen hat man eine Skulptur des georgischen Philosophen Solomon Dodashvili hingestellt. Wer noch Zeit hat, kann das zum Georgischen Nationalmuseum gehörende Stadtmuseum aufsuchen, in welchem Werke des aus der Stadt stammenden Malers Niko Pirosmani ausgestellt sind.

Kulinarisches

Auf dem Dawit-Agmaschenebili-Platz finde ich mit Shio’s Restaurant ein Lokal, in dem man gut essen kann und auch schnell satt wird. Heute steht Badridschani mit Chatschapuri auf meinem Speiseplan, dazu georgisches Bier. Chatschapuri ist ein Teiggericht mit einer Käse-Topfen-Füllung, während Badridschani gefüllte und normalerweise mit etwas Öl angebratene Auberginen mit Walnusspastete sind. Obenauf werden Granatapfelkerne gelegt. Badridschani werden häufig als Vorspeise serviert und sind obendrein vegan.

Danach begebe ich mich schon wieder durch die Kostawa Straße, wo man linker Hand bei einem Stiegenaufgang im „Mtevani“ einkehren könnte, zurück zum König-Irakli II.-Platz. Nach Tbilisi sind es noch 120 Kilometer bzw. zwei Stunden Fahrzeit und etwas westlich davon bei Mztecha ist das Hotel, zu dem wir fahren.

Sighnaghi präsentiert sich als kleines, überschaubares Städtchen, für das ich besser mehr als zwei Stunden Aufenthalt eingeplant hätte. Ich hätte hier sogar einen kompletten Tag sinnvoll verbringen können, denn dann wären längere Spaziergänge durch die Gassen und Museumsbesuche auch noch möglich gewesen. Nicht unerwähnt bleiben soll auch, dass das reichhaltige Angebot an Restaurants und Weinverkostungen jedem Reisenden einen längeren Stopp in dieser Stadt wirklich nahelegen.

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